Verdichtetes Geheimnis
In ‹Pelléas› ist nichts ein für alle Mal festgelegt; alles bleibt in einem Zustand permanenter Befragung.» Pierre Boulez’ Satz über Debussys einzig vollendete Oper könnte ebenso gut über dem Theater von Romeo Castellucci stehen. Kaum ein Regisseur der Gegenwart versteht es so radikal, Bedeutung offenzuhalten, Bilder nicht zu erklären, sondern in ihrer Rätselhaftigkeit wirken zu lassen. Castellucci stellt Fragen, wo andere interpretieren; er schafft Erfahrungsräume statt psychologische Lesarten.
Selten schien ein Zusammentreffen von Werk und Regisseur derart unausweichlich wie bei «Pelléas et Mélisande».
Über sein Stück schrieb Debussy: «Ich wollte, dass die Musik aus dem Schatten hervorgeht und in den Schatten zurückkehrt.» Castellucci nimmt diesen Gedanken beim Wort. Seine Lesart des «Pelléas» ist kein symbolistisches Bilderbuch, sondern ein Theater der Erscheinungen, des Entzugs, der permanenten Verwandlung. Die Figuren bewegen sich wie Schlafwandler durch eine Welt aus Nebeln, Reflexen und materiell verdinglichten Erinnerungen. Neben Debussys Musik scheint dabei eine zweite, lautlose Partitur anzuklingen: Wassergeräusche, das Atmen des Waldes, ferne Vogelrufe – Naturlaute, die ...
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Opernwelt Juni 2026
Rubrik: Panorama, Seite 56
von Stefano Nardelli
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