Zeitlos modern
Wozzecks weißes Hemd scheint frisch gewaschen. Nur der Overall, den er darüber trägt, grenzt ihn von den hier den militärischen Ton angebenden Herren, denen er zu dienen hat, ab. Naturalistisches Dekor des Prekären und der sozialen Ungleichheit aber braucht Brigitte Fassbaender im aufgeräumten Bühnenbild von Bettina Munzer mitnichten, einem zwischen Hotelhalle und Kaserne changierenden Raum der Öffentlichkeit mit allerhand Türen und Toren.
Stattdessen durchleuchtet sie die Mechanismen, mit denen Menschen andere Menschen erniedrigen, sie in Abhängigkeit zu sich bringen, um sich damit doch nur selbst zu erhöhen. Schnörkellos und unsentimental führt uns Fassbaender Wozzecks Schicksal vor Augen. Just in der Kunst des Weglassens und der Verdichtung entfaltet sie eine maximale narrative Intensivierung.
Zwei Requisiten, zwei zentrale Zeichen von Abhängigkeit und Gewalt, erscheinen im «Wozzeck» sonst als nahezu unverzichtbar; doch die Regisseurin, die einst Sängerin war, braucht sie nicht, sie ersetzt sie einfach durch szenische Genauigkeit und die Präsenz des Ensembles: Erstens ist dies das Geld, das Wozzeck («Wir arme Leut») fehlt, zweitens ist es das Messer, mit dem er seine Marie am ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juni 2026
Rubrik: Panorama, Seite 57
von Peter Krause
In seiner Suche nach der Wirklichkeit hinter den begrifflichen Urteilen hat der irische Autor Samuel Beckett den Ort zu einer abstrakten Größe gemacht. Ob Wladimir und Estragon in «Warten auf Godot» an einer Landstraße auf Fortsetzung warten oder Hamm und Clov in «Fin de partie» in einem geschlossenen Raum auf ein Ende, das vielleicht sogar eines sein könnte: Ist...
Komponierende Herrscher wie beispielsweise der deutsche Kaiser Leopold I. oder der kriegs- wie kunstlustige Preußenkönig Friedrich II. waren partout keine Ausnahmen. Locker übertroffen aber werden beide Potentaten von Philippe d’Orléans (1674–1723), dem Neffen Ludwigs XIV., dessen Oper «Suite d’Armide ou Jérusalem délivree» das Centre de musique baroque de...
Eine Berliner Einraumwohnung – Wedding, Neukölln, das alte Kreuzberg, wir wissen es nicht. Aber alles ist da: Badzeile, Tisch, Stühle, Bett, eine Tapete mit anfechtbarem Muster. Doch dort sind auch noch Wandschlupflöcher, durch die seltsame Wesen hereingeistern. Meist rückwärts, mit Gespenster-Larven auf dem Hinterkopf. Zwei kleine Grabkreuze dräuen an der Rampe....
