Verachtet mir die Souffleusen nicht!

Freiheitsmarken aus dem Off: Plädoyer für einen gefährdeten Berufsstand

Opernwelt - Logo

Erinnern Sie sich an den kleinen Kasten in der Mitte der Rampe? Ja, die Hütte des Souffleurs oder der Souffleuse. In vorelektronischen Zeiten mit einem Rückspiegel ausgestattet, später mit Bildschirm und anderem technischen Schnickschnack. Die temporären Bewohner dieses Kastens sprangen ein, wenn einer der Solisten auf der Bühne einen «Hänger» hatte. In Italien gab es sogar den «maestro suggeritore» mit Dirigentenausbildung.

Denn bevor das Abbild des Dirigenten im Graben auf Monitore übertragen werden konnte, war es bei komplizierteren Partituren einfacher, wenn der Souffleur an heiklen Stellen mitdirigierte.

Den Kasten sieht man heute immer seltener. Was für das Auge gewiss kein Nachteil ist. Auch das Ohr erinnert sich eher mit Grausen an Mitschnitte aus den 1950er- und 1960er-Jahren, in denen die Textmarken des Souffleurs lauter ausfallen als die gesungenen Einsätze. Unterschätzen sollte man die Bedeutung der Souffleuse dennoch nicht (die weibliche Bezeichnung mag auch für die – weniger zahlreichen – männlichen Kollegen stehen). Zwar scheint die Selbstbeschreibung von Monsieur Taupe, des «Herrn Maulwurf» in Richard Strauss’ «Capriccio», ein Echo aus fernen Zeiten: «Erst wenn ich ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt April 2017
Rubrik: Magazin, Seite 85
von Anselm Gerhard

Weitere Beiträge
Sternstunde

Einige Fragen vorweg: Ist «El amor brujo» überhaupt eine Oper? Womöglich eher ein Monodram? Oder eine Miniatur-Zarzuela? Und welche der vier verfügbaren Versionen spiegelt die Intentionen des Komponisten am besten wider? Mit «Gitanería» jedenfalls war das Konzept überschrieben, das die berühmte Flamenco-Sängerin und -Tänzerin Pastora Imperio 1914 dem Komponisten...

Lost in Translation

Die Frau hat keinen Namen. Aber einen Traum. Langmann, ein bankrotter Impresario, soll ihn auf die Bühne bringen. Mit ihr selbst als Hauptfigur und den Leuten von Santa María, ohne Zuschauer. Das ist ihr einziges, ihr ganzes Glück. Ausgedacht hat sich diese Geschichte («Un sueño realizado») Juan Carlos Onetti (1909-1994), der andere Vater des «magischen Realismus»....

Kosmischer Knuddel

«Chi a una sola è fedele verso l’altre è crudele», sagt Don Giovanni zu Beginn des zweiten Aktes zu Leporello: Wer einer einzigen treu bleibe, sei grausam zu allen anderen. Bei Seho Chang in Linz wirkt dies irgendwie drollig, denn der Koreaner ist von der Erscheinung her eher rundlich-knuddelig. Möglicherweise appelliert er an den Mutterinstinkt – ein nicht zu...