Mitleidlos
Am 21. und 30. April in Erfurt.
Wie ein Mühlrad rotieren die vier kleinen Räume auf der schmalen Drehbühne. Uns schaudert es beim Anblick dieser schäbigen Enge, in der beschädigte Menschen das Leben der anderen und ihr eigenes zerstören. Marie sitzt melancholisch am offenen Fenster ihrer kleinen Kammer, Doktor und Hauptmann zucken in ihren Räumen, während Andres Hasen ausnimmt und aufhängt. Sie alle scheinen einzig auf Wozzeck zu warten, um ihn zu demütigen. Staunend wie ein Kind läuft der durch die kreiselnde Zimmerflucht, unfähig, die Niedertracht seiner Umwelt zu verstehen.
Regisseur Enrico Lübbe erzählt dessen Niedergang nicht als Sozialdrama, sondern als Studie über Erniedrigung. Als die Gerüchte von Maries Untreue Wozzeck erreichen, tritt der Tambourmajor vor ihn und drückt dessen Kopf in seinen Schritt. Er lässt den Betrogenen seinen Triumph riechen, nimmt ihm gleichzeitig die Luft zum Atmen, und das vor den Augen des virtuos geführten Chors (Andreas Ketelhut), in dessen Schutz der Tambourmajor verschwindet, als Wozzeck endlich Kraft findet, um sich zu wehren. Für diese Szene hat Bühnenbildner Etienne Pluss den Raum geweitet: Die städtische Gesellschaft feiert in zeitlos verfremdeten Biedermeierkostümen ...
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Opernwelt April 2017
Rubrik: Panorama, Seite 41
von Uwe Friedrich
Dietrich Fischer-Dieskau meinte einmal, «Die schöne Magelone» sei eigentlich der schwerste Liederzyklus. Er musste wissen, wovon er sprach, hatte er das Opus 33 von Brahms doch als Zyklus erst durchgesetzt. Was macht die «Magelone» schwer? Vor allem: Sie ist eine Herausforderung an die Physis, entspricht – was den stimmlichen Kraftaufwand betrifft – einer...
Die Frau hat keinen Namen. Aber einen Traum. Langmann, ein bankrotter Impresario, soll ihn auf die Bühne bringen. Mit ihr selbst als Hauptfigur und den Leuten von Santa María, ohne Zuschauer. Das ist ihr einziges, ihr ganzes Glück. Ausgedacht hat sich diese Geschichte («Un sueño realizado») Juan Carlos Onetti (1909-1994), der andere Vater des «magischen Realismus»....
Errare humanum est. Menschen irren, und das ist auch gut so. Ohne Irrtümer gibt es keine Erkenntnis, ohne Fehler wird man selten klug. Die Kritik bildet da keine Ausnahme. Wer urteilt, kann falschliegen. Wer wertet, kann danebenzielen. Kritiker, zumal solche, die sich mit Musik beschäftigen, der flüchtigsten aller Künste, bewegen sich auf instabilem Terrain....
