Und sie findet sich nicht
In seiner dem Libretto zugrunde liegenden Schauspielversion des antiken Stoffs hat Hugo von Hofmannsthal die Gestalt der Sophokleischen Elektra in eine moderne, vom Geist der nervösen Unrast des Fin de Siècle geprägte Figur verwandelt. Das Nietzsche und Freud zusammenzwingende Psychodrama zeigt sie als traumatisierte, von einem einzigen Wunsch besessene Frau: den Tod des von ihrer Mutter Klytämnestra und deren Liebhaber Aegisth ermordeten Vaters Agamemnon zu rächen. «In ihr», so Hofmannsthal, «ist die Person verloren gegangen, um sich zu retten.
Sie ist der Vater (dieser ist nur in ihr), sie ist die Mutter (mehr als diese selbst es ist), sie ist das ganze Haus – und sie findet sich nicht». Claus Guth folgt dieser psychischen Polyphonie, die auch für Strauss’ Oper gilt, in seiner Frankfurter Inszenierung aufs Wort.
Katrin Lea Tags Bühne zeigt einen schmalen, an die Rampe vorgezogenen nüchternen Raum mit drei Notausgangstüren, den ein purpurner Wandbehang abschließt – der weite Korridor eines öffentlichen Gebäudes, ob Klinik, Seniorenresidenz oder gar ein Theaterfoyer, bleibt offen. Während die fünf Mägde in der Eröffnungsszene geschäftig-verbissen als Putzbrigade agieren, sitzt ...
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Opernwelt Mai 2023
Rubrik: Im Fokus, Seite 5
von Uwe Schweikert
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Brav haben wir es im («damals» noch real existierenden) Musikunterricht beziehungsweise danach während des Musikstudiums, auch in dieser der Aufführungshäufigkeitswirklichkeit abgeschauten Opernrealität gelernt: Die «Big Five» der italienischen Operngeschichte heißen Verdi, Puccini, Rossini, Bellini und (mit Bellini vielleicht auf einer quantitativen Ebene) jener...
