«Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus»

Carl Maria von Weber gilt gemeinhin als Erfinder der romantischen Oper, die Kritik an seinen Bühnenwerken hält jedoch bis heute unvermindert an. Einige Anmerkungen zur Epoche und zur Problematik von Webers Schöpfungen anlässlich dessen 200. Todestags

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Er war ein Kind des (fahrenden) Theaters. Und doch wollen bis heute jene Stimmen nicht verstummen, die insbesondere in seinen Werken für die Bühne einen erheblichen Mangel entdecken. Die Opern Carl Maria von Webers, so lautet die scharfe Kritik, litten an ihren miserablen Textdichtungen, da sei im Grunde schon Hopfen und Malz verloren, und sogar der «Freischütz», sein berühmtestes Opus, wäre mit einem anderen Libretto weit besser bedient gewesen – was immer wieder zu teilweise erstaunlichen Bearbeitungen den Anlass gab. Schärfer und grundlegender aber noch sind die Einwände gegen Webers «Euryanthe» und seinen «Oberon». Im Kanon haben es beide Opern schwer, allein die Musik erfreut sich weithin großer Beliebtheit. Der 200. Todestag des Eutiner Jungen bietet nun erneut Gelegenheit, noch einmal in die Epoche der Romantik zurückzuschauen und zu erforschen, auf welchem Grund Webers Werke entstanden, was für ein Geist in ihnen wohnt, und wie sich der Homme de lettres, der er zweifelsohne war, in dieser Zeit der Ich-Setzungen und des Idealismus deutscher Prägung seinen Platz suchte.

Man muss sich die Szene vorstellen. Eine beschauliche, altehrwürdige Universitätsstadt am Neckar, kurz nach Beginn der Französischen Revolution, die bald schon ganz Europa erschüttern und das ohnehin brüchige Gebäude mächtig ins Wanken bringen wird. Im Tübinger Stift sitzen abends drei hochbegabte Studenten beieinander, sprechen fröhlich dem Wein und wohl auch dem Gesang zu (Damen haben bei diesem Disput keinen Zutritt) und geraten dabei zusehends in einen mächtigen dichterisch-philosophischen Eifer.

Wundern darf man sich ob dieser Verdichtung an Gedanken nicht, wenn man weiß, wer da auf engstem Raum zusammenhockt: Georg Friedrich Wilhelm Hegel, Friedrich Hölderlin, beide Jahrgang 1770, wie Beethoven, und der um fünf Jahre jüngere Friedrich Wilhelm Joseph Schelling. So unterschiedlich ihr Denken, ihre Weltwahrnehmung und Lebensanschauung auch sein mag, eines eint die Zimmergenossen – über den einen gemeinsamen Vornamen und die schwäbische, pietistisch angewehte Herkunft hinaus: der Wille zur Umkehr des Geistes. Und nichts Geringeres entwerfen die gelehrten Studiosi in diesen Stunden als die Umrisse einer neuen Mythologie, deren Bestreben dahin geht, ein funktionierendes System zu ...

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Opernwelt Jahrbuch 2026
Rubrik: 200. Todestag Carl Maria von Weber, Seite 90
von Jan Verheyen

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