Auf einsamen Höhen, mit engem Draht zu Gott
Héctor Berlioz’ Musikdrama «Les Troyens» auf Englisch? Was völlig absurd erscheint, in London wurde es 1957 Wirklichkeit und markierte zugleich den Beginn einer der größten Sänger-Karrieren des 20. Jahrhunderts. Auf der Bühne stand ein junger Kanadier, seine Interpretation des Énée versetzte das gesamte Haus in Jubelstürme. Doch schon zuvor hatte Jon Vickers als Riccardo in Verdis «Un ballo in maschera» das Publikum (und auch die Kritik) im Sturm erobert mit seiner mächtigen, durchdringenden und leuchtenden Tenorstimme. In der Folge reüssierte der Sohn eines Lehrers insbesondere als Wagner-Sänger (Siegmund, Tristan, Parsifal), mit Verdi-Rollen (Otello, Alvaro) und als Titelfigur in Brittens «Peter Grimes». Sein Markenzeichen war die baritonal gefärbte, wuchtige, voluminöse Stimme; nur zu gern hätte man ihn als Tannhäuser gehört. Diese Partie lehnte Vickers aus religiösen und moralischen Gründen ab. Den Tristan hingegen sang er so wie kaum ein Zweiter, sodass Birgit Nilsson, seine Isolde, einmal sagte, sie habe auf einen solchen Tenor so lange gewartet, wie Jakob in der Bibel auf Rachel. Porträt eines Ausnahmekünstlers.
Zum letzten Mal stand Jonathan Stewart Vickers auf einer Bühne Anfang Juni 1998 in Montréal. Er tat dies nicht mehr als Sänger (er war 71 Jahre alt), sondern als Erzähler in dem Melodram «Enoch Arden» von Richard Strauss; ein Komponist, zu dem er in seinem Sängerleben keinen Kontakt hatte. Den Klavierpart des Abends übernahm der junge Kanadier Marc-André Hamelin, der in der Folge eine große Karriere als einer der virtuosesten Pianisten unserer Zeit machte.
Der Sänger Vickers hatte sich zehn Jahre zuvor verabschiedet – mit einer konzertanten Aufführung des zweiten «Parsifal»-Akts in der Stadt Kitchener im kanadischen Ontario. Zum letzten Mal auf einer Opernbühne stand er im Mai 1987 in Denver, als Samson in Saint-Saëns’ Musikdrama «Samson et Dalila», eine Rolle, die nicht im Vordergrund der Erinnerung an den Tenor steht, aber ihn doch seine ganze Karriere hindurch begleitet hat.
Es war dies eine Karriere, die ziemlich genau 30 Jahre zuvor auf internationalem Parkett begonnen hatte, und zwar an Londons Royal Opera House Covent Garden, zunächst mit einem aufsehenerregenden Riccardo in Verdis Musikdrama «Un ballo in maschera» und dann vor allem, kurz darauf, mit einem epochemachenden ...
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Opernwelt Jahrbuch 2026
Rubrik: 100. Geburtstag Jon Vickers, Seite 104
von Jens Malte Fischer
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