Und die Sterne leuchten doch
Große Theaterabende, sei es im Schauspiel oder in der Oper, zeichnen sich durch drei Dinge aus. Erstens erscheint die dramatische Handlung als so stark verdichtet, plausibel und (erschütternd) logisch, dass man sich im Zuschauerraum fühlt, als würde man selbst auf der Bühne stehen und erleiden, was den Figuren widerfährt. Zweitens: Man vergisst von Zeit zu Zeit zu atmen, weil einen das Geschehen wie magnetisch in seinen Sog zieht. Und drittens: Man verlässt das Theater verändert, wie durchgeschüttelt.
Die Amsterdamer «Tosca» von Barrie Kosky und Lorenzo Viotti ist ein solcher Abend, und auch das hat im Wesentlichen drei Gründe: einen musikalischen, einen szenischen und einen musikszenischen.
Grandios ist der Abend einmal, weil Viotti und sein fantastisch präsentes Nederlands Philharmonisch Orkest Puccinis scheinbar hinlänglich «bekannte» Musik auf eine Weise interpretieren, die den Komponisten zwar noch in seiner Zeit, der Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert, verankert, andererseits aber (und darin liegt das Novum, die Einzigartigkeit dieser Lesart) als Nachfahre des Liedschöpfers Franz Schubert sowie zugleich – ein Oxymoron eigentlich – als Vaterfigur eines Luigi ...
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Opernwelt 6 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 28
von Jürgen Otten
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Dass das Melodram «ein Genre von unerquicklichster Gemischtheit» sei (wie Richard Wagner anmerkte), «in welchem sich die Musik vom gesprochenen Worte spröde sondert, wie Öl und Wasser und eine Kunst die andere beeinträchtigt» (wie Eduard Hanslick ergänzte), war wohl einer von wenigen Punkten, über die sich der Zukunftsmusiker und sein rabiatester Kritiker hätten...
