Unbeirrt, hinreißend und nur ein bisschen kokett

Eine Würdigung der im August verstorbenen Sopranistin Ileana Cotrubaș

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Ist es übertrieben zu formulieren, dass Ileana Cotrubaş im Gedächtnis der Nachwelt nicht ganz den Platz einnimmt, den sie verdient? Die Nachricht von ihrem Tod am 20. August regt zu solchen Überlegungen an. Wenn dieser Eindruck stimmt, dann lassen sich dafür einige Gründe anführen. Die rumänische Sopranistin war mit ihren Auftritten sparsam, mehr als 35 Vorstellungen pro Jahr hat sie nie gesungen. Sie hatte ein Kern -repertoire, das ungefähr 15 Partien umfasste, das ist nicht wenig, aber es ist auch nicht viel.

Sie wurde von der Schallplattenindustrie nicht sehr oft zu großen Einspielungen herangezogen, man kann auch sagen, eher vernachlässigt. Und sie war keine Diva im herkömmlichen Sinne, obwohl ihr gelegentlich derartige Züge nachgesagt wurden. Hört man im Rückblick in Cotrubaş’ Aufnahmen hinein, so wird man die Bemerkung im größten Internetlexikon variieren müssen: «Sie gehörte zu den bekanntesten Sopranistinnen des 20. Jahrhunderts.» Der Satz wäre zu verbessern: «Sie gehörte zu den bedeutendsten Sopranistinnen des 20. Jahrhunderts.»

In einer Stadt an der Donau geboren, übersiedelte sie früh mit der Familie nach Bukarest. Über einen Kinderchor kam sie dann an die Bukarester Oper, etwas später an das Konservatorium der Stadt, debütierte an der Oper als Yniold in Debussys «Pelléas et Mélisande» – die weibliche Hauptrolle in diesem Werk sollte später zu einem Pfeiler ihres Repertoires werden. Nach dem Gewinn des Internationalen ARD-Musikwettbewerbs in München 1966 ging es schnell voran. Schon bei ihrem ersten Engagement an der Oper Frankfurt sorgte Ileana Cotrubaş als Pamina in Mozarts «Zauberflöte» für erhebliches Aufsehen. Bald klopfte die Wiener Staatsoper an, wo sie als Violetta in «La traviata» einen gewaltigen Erfolg hatte. Mit dieser Rolle ist sie wohl heute noch am bekanntesten, denn die Schallplattenaufnahme unter der Leitung von Carlos Kleiber und mit Plácido Domingo gilt bis heute ganz zu Recht als Vergleichsmaßstab für alles, was danach kam – und noch kommen wird. Unser Bild der Violetta wird seit je geprägt von zwei stark differierenden Interpretationen: der von Maria Callas und der von Ileana Cotrubaş. So scharfkantig und extrem Maria Callas die Rolle gestaltete, so deutlich weicher und kantabler war Cotrubaş, ohne dass ihre Verkörperung ins Harmlose oder gar Gefällige abgleitet. Wie sie das schaffte, bleibt auf ewig ihr Geheimnis.

Diese Stimme war von berückender Schönheit des Timbres, nicht sehr groß, aber technisch so perfekt geführt, dass ihr auch die größten Opernhäuser offenstanden. Ileana Cotrubaş verfügte nicht über große Robustheit, weder in der Stimme noch in ihrer Gesundheit; sie hat sich in ihrer klugen Rollenauswahl und zeitlichen Disponierung immer an ihre Möglichkeiten gehalten. Neben der Violetta war die Mimì in Puccinis «La Bohème» eine ihrer größten Rollen. Und sie hatte Gelegenheit, mit ihrem Lieblingsdirigenten Carlos Kleiber auch diese Oper zu interpretieren, exponiert natürlich an der Mailänder Scala im März 1979. Neben Luciano Pavarotti war das italienische Idol Mirella Freni vorgesehen (sowie, luxuriös genug, Lucia Popp als Musetta). Freni wurde krank, und die sowohl in Mailand wie in der ganzen Welt deutlich weniger bekannte Ileana Cotrubaş erhielt die Gelegenheit, sowohl Mailand als auch die Welt von sich und ihrem Können zu überzeugen – eine spätere Aufführung der Serie wurde im Fernsehen übertragen. Diese Übertragung kursiert noch als Video, allerdings in bedenklicher Bildqualität. Immerhin vermittelt dieses Video einen Eindruck vor allem von den darstellerischen Fähigkeiten der Protagonistin der Mimì, von den vokalen sowieso. Auch Pavarotti ist, wenn auch in der bekannten Robustheit, in glänzender Form. Eine Schallplattenaufnahme der Deutschen Grammophon sollte unmittelbar nach der Aufführungsserie folgen, allerdings mit Domingo statt mit Pavarotti, aber daraus wurde nichts, weil sich Kleiber, keineswegs unverständlich, mit den Terminproblemen einiger Sängerinnen und Sänger nicht arrangieren konnte. So bleibt der Mitschnitt der Mailänder Aufführung (mit und ohne Bild) neben der Violetta das einzige Zeugnis für die Zusammenarbeit und die gegenseitige Hochschätzung von Ileana Cotrubaş und Carlos Kleiber. Bei einer Probe soll der Dirigent einmal einem Orchestermusiker, der die Probe verließ, weil er länger nicht «dran» war, hinterhergerufen haben: «Wie können Sie rausgehen, wenn diese Frau so unglaublich schön singt?»

Wie schon angedeutet: Ileana Cotrubaş galt als schwierig und eigensinnig. Sie hatte sehr klare Vorstellungen, wie mit den Werken der von ihr verehrten Opern-Komponisten umzugehen sei, und hat dies auch in einem Buch, das sie zusammen mit ihrem Mann verfasste, unmissverständlich offengelegt. Das, was man mit dem damals aufkommenden Begriff «Regietheater» belegte, war ihr immer häufiger ein Gräuel. An der Wiener Staatsoper zerstritt sie sich unwiderruflich mit dem renommierten Schauspielregisseur Rudolf Noelte bei einer Neuproduktion von «Eugen Onegin». Nach einer Galavorstellung der «Traviata» im Zürcher Opernhaus trat sie vor den Vorhang und distanzierte sich von der Inszenierung, in der sie nur gesungen hatte, weil sie sonst den Ausfall der Vorstellung hätte bezahlen müssen – ein ungewöhnlicher Vorgang. In einem amüsanten Fernsehgespräch zwischen ihr und August Everding äußerte der ansonsten konziliante Gesprächspartner ziemlich deutlich und entschieden seine Missbilligung eines solchen Verhaltens, damit natürlich den Berufsstand eines Opernregisseurs verteidigend. Cotrubaş aber ließ sich durch Everdings Einwände keineswegs beirren; man kam nicht umhin, ihre Konsequenz und Standhaftigkeit zu bewundern. Ebenfalls konsequent traute sie sich auch in einer Zeit, als so etwas bei Künstlerinnen und Künstlern ihres Ranges noch keineswegs üblich war, den rumänischen Diktator Ceauşescu öffentlich scharf zu kritisieren.

Unüberhörbar hatte sie auf dem Höhepunkt ihrer Karriere eine Erklärung abgegeben, wie sie sich ihre Zukunft vorstellte: «Ich jedenfalls werde ganz bestimmt nicht bis ins hohe Alter singen. Ich hoffe, dass der liebe Gott mir so viel Verstand gibt, mir zu erlauben, im richtigen Moment Nein zu sagen und aufzuhören.» So hatte sie es sich vorgenommen. Und so geschah es auch: 1990 nahm Ileana Cotrubaş mit einer letzten Mimì an der Wiener Staatsoper Abschied. Natürlich sind Violetta und Mimì die zwei herausragenden Rollen ihres Repertoires; es lohnt sich aber auch, in ihrer nicht allzu breiten Diskographie auf andere Werke und Partien hinzuweisen. So etwa auf Bizets «Les Pêcheurs de perles», wo sie unter der Leitung von Georges Prêtre eine hinreißende Leïla singt (diese Studioaufnahme bietet nebenbei auch die Gelegenheit, an den nahezu völlig vergessenen fulminanten mexikanischen Bariton Guillermo Sarabia zu erinnern). Nun sind die liebenswerten «Perlenfischer» bei allem Respekt nicht als Meisterwerk der Operngeschichte zu betrachten. Ein solches aber ist die «Manon» von Jules Massenet. Diese Aufnahme mit Ileana Cotrubaş entstand 1982; der Dirigent war Michel Plasson, den Des Grieux sang, überaus brillant, Alfredo Kraus. In der Schlussszene hört man diese Manon auf dem Höhepunkt ihres Könnens. Die ihr eigene Begabung zur Verknüpfung von zarter Verletzlichkeit mit der Fähigkeit, die Facetten dieser Rolle zwischen Schüchternheit, Koketterie, bedenkenloser Lebenslust und tiefster Resignation in subtile Vokalkunst zu überführen, ist hier exemplarisch festgehalten. Die Schlussszene der «Manon» wird niemand vergessen, der das in dieser Interpretation gehört hat. Wenn man Zeuge der letzten Worte der Sterbenden wird – «Il le faut! Il le faut! Et c’est là l’histoire de Manon Lescaut» –, dann weiß die Musikwelt, was sie an dieser wirklich bedeutenden Sängerin, die am 20. August im Alter von 87 Jahren in Wien gestorben ist, gehabt hat. 


Opernwelt November 2026
Rubrik: In Erinnerung, Seite 86
von Jens Malte Fischer

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