Über den Wolken

CD des Monats: Jakub Józef Orliński zeigt sich, von Il Pomo d’Oro begleitet, im Album «Beyond» auf dem Zenit seines Könnens

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Der Dirigent fehlt. Für sein neues Album hat sich Jakub Józef Orliński zwar erneut der Dienste des Ensembles Il Pomo d’Oro versichert, doch Maxim Emelyanychev steht nicht, wie sonst bei solchen Studioproduktionen, an dessen Pult. Die Gründe liegen im Dunkeln, doch schon nach einmaligem Hören lässt sich eines mit Gewissheit sagen: Es geht auch ohne.

Die Musikerinnen und Musiker dieser fantastischen Alte-Musik-Formation verstehen sich gleichsam «blind» mit dem polnischen Countertenor, die musikalischen Intentionen sind derart deckungsgleich, dass eine ordnende Hand kaum mehr nötig ist. Zumal bei dem gewählten Repertoire.

Orliński hat sich auf eine wissensdurstige Reise durch das seicento gemacht, also durch das 17. Jahrhundert in Italien. Und ist dabei auf Preziosen gestoßen, die vermutlich nicht einmal ausgewiesene Experten zuvor zu Gesicht bekommen haben. So etwa die mehr als 130 begleiteten Monodien von Claudio Saracini, die weiland unter dem Titel «Le seconde musiche» erschienen und zu ihrer Zeit eine Novität darstellten. Orliński hat daraus das Stück «Udite, lagrimosi spirti d’Averno» ausgewählt, ein insistierendes Lamento, in dem eine grausame Frau angeklagt wird, ihren Verehrer verlassen zu haben. Mit flammender Energie und der ihm eigenen vokalen Intensität verleiht der Counter dieser Musik jene enorme Expressivität und Unbedingtheit, die seine Interpretationen generell und auch auf diesem Album wieder auszeichnet. Darauf findet sich mit Saracinis Zeitgenossen Giovanni Cesare Netti ein weiteres, ebenso unbeschriebenes Blatt – was nicht zuletzt auch der traurigen Tatsache zuzuschreiben ist, dass Nettis gesamtes kirchenmusikalisches Œuvre als für alle Zeiten verloren gelten muss. Zum Glück sind jedoch zwei Opern aus seiner Feder erhalten, aus denen Orliński einige Stücke für seine CD ausgewählt hat: zunächst das bittersüße Flehen des Hirten Berillo, der seinem Schmerz darüber, dass seine Liebste einen anderen erwählte, im zweiten Akt des Dramma boschereccio «La filli» mit wohlgerundetem Pathos und inniglichen Tönen Ausdruck verleiht («Misero core»), dann, mit beinahe ätherischer Schönheit, in seiner zweiten Arie «Dolcissimi catene». Von anderer Seite zeigt sich Netti (und mit ihm Orliński) in «L’Adamiro», insbesondere in Gestalt der bedauernswerten Crinalba, die von ihren wechselhaften Gefühlen geschüttelt und gequält wird. Was ist das für eine wunderbar exaltierte, freche Musik, die da in der Arie «Quanto più la donna invecchia» erklingt! Die Amme außer sich, ausgelassen, als tragikomische Figur, die auch ihrer Stimme hier völlig freien Lauf lässt, bis hin zum herb-schroffen, fast schon himmelhochjauchzenden Gelächter. Und wie verwandelt zeigt sich die gleiche Frau wenig später in dem Lamento «Son vecchia, pazienza» in ein zu Tode betrübtes Wesen. In diesem Stück offenbart sich eine der großen Stärken des Countertenors. Er vermag es, weite Bögen selbst über unbegleitete Abgründe hinwegzuziehen, bebend, zart, organisch an- und abschwellend, schließlich verlöschend. Das macht ihm in der wachsenden «Szene» kaum einer nach. Jedenfalls nicht so berührend und anmutig, wie aus einer anderen Welt und einer anderen Zeit. Die Epoche, die Orliński in «Beyond» singend durchwandert, kommt uns auf diese Weise sehr nahe. Und mag nicht alles, was auf der CD ist, aus dem titelgebenden Jenseits stammen, so ist die Begegnung mit dieser Musik doch ungemein bereichernd, wenn sie von solch kundigen Interpreten gestaltet wird. Deutlich wird das schon im ersten Stück des Albums, Ottones Auftrittsarie «E pur io torno qui» aus Monteverdis «L’incoronazione di Poppea». Da wird das ganze Spektrum an Gefühlen, die den unglücklich Liebenden durchströmen, während er vor Poppeas Haus ausharrt, bald schon ahnend, dass ein anderer in ihren Armen liegt, abgerufen. Sehnsucht, Verlangen, Enttäuschung, Verzweiflung, ja: auch Wut – Orliński und Il Pomo d’Oro geben diesem inneren Aufruhr der verwundeten Seele einen ebenso leidenschaftlichen wie stilistisch profunden Ausdruck. Und wenn der polnische Counter, derzeit zweifelsohne auf dem Zenit seines Könnens, einen Ton bis beinahe in die Ewigkeit erst aufsteigen und dann, nach und nach verblühend, durch die Lüfte schweben lässt wie eine schwerelose Wolke, müsste selbst eine Frau wie Poppea sich erweichen lassen.

BEYOND
Jakub Józef Orliński (Countertenor), Il Pomo d’Oro
Erato 5419772645 (CD); AD: 2022

VERLOSUNG Am 7. Dezember um 10 Uhr verschenken wir 5 Exemplare dieser CD-Box an die ersten Anrufer: 030/25 44 95 55


Opernwelt Dezember 2023
Rubrik: CDs, DVDs und Bücher, Seite 27
von Jan Verheyen

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