Kleine, große Welt
Das Café Central, lesen wir bei Alfred Polgar, sei «kein Caféhaus wie andere Café-häuser, sondern eine Weltanschauung, und zwar eine, deren innerster Inhalt es ist, die Welt nicht anzuschauen». Auf der Bühne des Musiktheaters an der Wien im Museumsquartier sieht man jedenfalls genau das Café Central. Mit großer Liebe zum Detail hat Silke Bauer das altehrwürdige, kulturhistorisch bedeutsame, mittlerweile freilich fest im merkantil-touristischen Griff befindliche Lokal nachgebaut: ein spektakulär realistisches Einheitsbühnenbild.
Animierte Videos (Roman Hagenbrock) simulieren hinter den Fensterfronten den Blick in die Herrengasse. Das Kaffeehaus als kleine Welt, in der die große ihre Probe hält? Steht der zum Kommerz verkommene Kult um das Getränk für einen alten, schal gewordenen Glauben? Was entwickelt sich als Alternative dazu – Cold-Brew-Muckefuck-Latte? Religionen und Lebensentwürfe prallen tatsächlich aufeinander in Händels «Theodora», seinem vorletzten, handlungsarmen und 1750 in London bald abgesetzten Oratorium rund um eine christliche Märtyrerin: Selbst angedrohte Vergewaltigung und Tod bringen sie nicht vom Glauben ab. Wie bringt man dergleichen auf die Bühne? Regisseur ...
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Opernwelt Dezember 2023
Rubrik: Panorama, Seite 34
von Walter Weidringer
Seine letzte Oper sollte eine lustige sein – so der ausdrückliche Wunsch des belgischen Komponisten Philippe Boesmans, den er Freunden im Februar 2022, rund zwei Monate vor seinem Tod, mitteilte. Nach all jenen Tragödien, die er bis dahin geschrieben habe, vor allem nach «Julie» auf Strindberg, wolle er mit totaler Leichtigkeit (légèreté) und Nachlässigkeit (insouc...
Frau Mijnssen, von dem ungarisch-jüdischen Schriftsteller Imre Kertész stammt die bemerkenswerte Sentenz, nur Kunst, die Wunden weitergibt, sei etwas wert. Was denken Sie, hat Kertész recht?
Das ist ein richtig schöner Satz, großartig. Er berührt mich sehr, nicht zuletzt auch, weil Kertész damit wunderbar zum Ausdruck bringt, was ich in jeder meiner...
Man hatte es geahnt. Dieser Abend würde ihr Abend werden, eine Demonstration außergewöhnlichen Könnens. Und Asmik Grigorian, seit ihrem atemraubenden Auftritt als Salome bei den Salzburger Festspielen 2018 in Romeo Castelluccis magisch-mystischer Inszenierung unangefochtene Königin in dieser Partie, enttäuschte ihre Fans nicht. Die litauische Sopranistin...
