Schwarze Larven
Warten, schon während des Einlasses. Zwei ältere Frauen vorn, ins Publikum blickend, zwei jüngere hinten, abgewandt auf den Prospekt einer nächtlichen Stadt schauend. «Nach Moskau, nach Moskau!», würden sie wohl rufen, wären sie Tschechows drei Schwestern und nicht nur die beiden aus Tschaikowskys «Eugen Onegin». Doch in Roland Schwabs Inszenierung am Staatstheater Augsburg bleiben nicht allein die Lichter der Großstadt ein Traum für Tatjana und Olga – jede Zugehörigkeit zu einer Gesellschaft überhaupt ist reine Utopie.
Mit einer doppelten Verschalung aus weißen Holzplanken hat Bühnenbildner Piero Vinciguerra die Ersatzspielstätte im Martini-Park nach oben wie unten abgeschlossen: eine abgeschottete Veranda, ein Schiffsbauch möglicherweise, in jedem Fall aber ein (schönes) Gefängnis. «Seelen im Close-up» will Schwab laut Programmheft zeigen und schließt den knackig singenden Chor des Augsburger Theaters deshalb weitgehend von der Szene aus. Reiner Klang bleibt die bäuerliche Freude im ersten Akt, zu Tatjanas Namenstag im zweiten erscheinen nur Dämonen. Selbst das Fest in St. Petersburg ist eine starre Versammlung schwarzer Larven, bei dem ein riesiger Kronleuchter einen Rest von ...
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Opernwelt Dezember 2023
Rubrik: Panorama, Seite 38
von Michael Stallknecht
Turandot kann einem nur leidtun. Die Menschheit hat sich selbstverschuldet an den Rand ihrer Auslöschung befördert, alle Frauen dieser Erde sind vom Bann der Unfruchtbarkeit getroffen, und überdies droht die Klimakatastrophe das noch bestehende Leben restlos zu vernichten. Wer will es da der eisumgürteten Prinzessin verdenken, dass sie, die einzige noch...
Für das immer heikle Ende, den von schlimmstem Des-Dur-Dröhnen begleiteten Einzug der Götter in ihr neues, so teuer erkauftes Heim Walhall, findet Romeo Castellucci, der für Regie, Ausstattung und Licht verantwortlich zeichnet, ein verblüffend einleuchtendes Bild: Wotans Gesellschaft, in weiß wallenden Sektengewändern, tritt nacheinander an ein großes schwarzes...
Richard Straussens «Elektra» ist zwar, der monströsen Musik zum Trotz, ein kompaktes Werk; dass es aber ausgerechnet in einem Ausweichquartier zu einer seltenen Kraft und Durchdringung kommt, war so nicht zu erwarten. Der Regisseurin Nina Russi und dem Dirigenten Enrico Calesso gelingt dieses eigentlich gar nicht so kleine Musiktheaterwunder in der Theaterfabrik...
