Trotzköpfchens Rehabilitierung
«Eigentlich war ich», sagt Christa Ludwig, «ein Antityp der Carmen. Einmal, Anfang der 1960er Jahre, sprang ich an der Wiener Staatsoper für Jean Madeira ein, eine Carmen wie gemalt. Ich war dagegen ein Fiasko –‚ ‹Trotzköpfchens Zigeunerhochzeit›, schrieb der Kritiker Karl Löbl, und er hatte Recht.» Wer so erfolgreich war und so unumstritten ist wie die Ludwig, kann auf das Tüllkostüm der Eitelkeit mit leichter Geste verzichten.
Nun, anhand des Live-Mitschnitts der Neuinszenierung von 1966 aus Wien, lässt sich unschwer feststellen, dass dieses Trotzköpfchen eine Carmen von großer Eigenart und im Vergleich zu vielen später auf CD oder DVD konservierten Vertreterinnen dieser Partie nachgerade ein erotisches Kraftwerk ist.
Zwar stilisierte Regisseur Otto Schenk die Zigeunerin der Ludwig zuliebe als «Frau von nebenan, die ihre Freiheit liebt», doch scheint sie für die Habanera und Seguidilla beinahe in die Haut einer Juliette Gréco zu schlüpfen, spielt zärtlich mit dem Text wie eine Chansonette, interpretiert andererseits die Kartenarie wie ein dunkles Schubert-Lied und wächst im Schlussduett zur Tragödin. Ihre Partner begegnen ihr vokal nicht auf Augenhöhe. James King, der vier Jahre ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Lange hatte man nichts gehört vom Meisterregisseur. Seit dem Weggang aus Hamburg war Peter Konwitschny abgetaucht, (fast) nur noch für Wiederaufnahmen seiner Inszenierungen durch die Lande gereist. Nun ist er wieder da. Mit Beginn der Spielzeit 2008/09 wird Konwitschny Chefregisseur an der Oper Leipzig. Sein Vertrag hat eine Laufzeit von sechs Jahren, und gleich...
Normalerweise ist es umgekehrt. Sobald Komponisten sich ein Stück Literatur vornehmen, wird es durch die Musik verallgemeinert, im Tonfall gemildert, oft humanisiert. Was vom Schriftsteller als kühle Diagnose notiert ist, erscheint auf der Musikbühne als Anliegen von primär emotionaler Sprengkraft. So geschehen bei Bergs «Wozzeck», Strauss’ «Salome», Janáceks «Die...
Auf der Riesenbühne des Nationaltheaters ein kleines Barocktheater nachbauen zu wollen, ist schlicht absurd. Aber da Münchens neuer «Tamerlano» mit Drottningholm koproduziert wurde, verfielen Regisseur Pierre Audi und Bühnen- und Kostümbildner Patrick Kinmonth auf die Idee, einfach ein paar grüne, goldverzierte Portalhänger in den Bühnenraum einzupassen. Dazu...
