Tretet näher, schwankende Gestalten!
Lieber Herr Trojahn, in diesem Monat erlebt Ihr «Orest» in Kopenhagen seine sechste Inszenierung seit der Amsterdamer Uraufführung 2011. Damals haben Sie in einem Interview über den Protagonisten, der als suchender Held zwischen zwei archaischen Systemen steht – dem Matriarchat, das den Gattenmord erlaubte, und einer neuen patriarchalischen Ordnung –, gesagt: «Wie alle meine Helden geht er am Schluss fort, ohne eine Antwort auf unsere Fragen zu geben.
» Der Dirigent Vitali Alekseenok hat anlässlich der Uraufführung Ihrer «Septembersonate» im Dezember 2023 in Düsseldorf von einer «Konjunktiv-Oper» gesprochen. Ist dieses Konzept eine moderne Antwort auf die schwankenden Opernhelden des 19. Jahrhunderts?
Robert von Ranke-Graves deutet den Mythos um Orest auf eine Weise, die mir, im Versuch die Person des Orest zu beschreiben, gelegen kam. Ich bin ja kein Historiker, sondern ich gehe mit den Fakten und Annahmen so um, wie es für meine Erzählung richtig ist, und der Konflikt des Orest, der zwischen zwei Rechtssysteme gerät, war für den Beginn der Oper das Richtige. Die weitere Entwicklung des Stückes zeigt dann einen Orest, der sich von den Zwängen der gesellschaftlichen – und auch der ...
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Opernwelt September/Oktober 2024
Rubrik: Interview, Seite 57
von Klaus Heinrich Kohrs
Wer einmal das Vergnügen hatte, die Schauspielerin und Sängerin Dagmar Manzel nicht nur auf, sondern auch abseits der Bühne zu erleben, weiß, dass sie eine empathische und vitale Dame ist, ausgestattet mit Esprit, genuin (ost-)berlinischem Charme und einer erfrischend lebenszugewandten Heiterkeit. Diesem gleichsam ungeschminkten Naturell verdankt sich – neben der...
Im Anfang ist das Bild, Claude Monets «Gondel in Venedig», eine konzise, nebelumhüllte Impression. Doch sogleich folgen die passenden Verse aus Nietzsches «Ecce homo», als unverhohlene Hommage an die Stadt, die dem Philosophen, in fünf Episoden, Fluchtpunkt wie (brüchiges) Idyll war: «An der Brücke stand / jüngst ich in brauner Nacht. / Fernerher kam Gesang: /...
Die Erinnerung ist hellwach an jenen Tag vor mehr als 20 Jahren, der in der Rückschau ein wolkenloser war. Karlsruhe, Hauptbahnhof. Wahrlich kein schöner, anmutiger Ort. Eher prosaisch, ein guter Treffpunkt. Als der Gast sich aus dem pünktlich (!) angelangten ICE herausschält und auf den Bahnsteig begibt, sieht er sogleich in der Ferne eine hünenhafte Gestalt mit...
