Tretet näher, schwankende Gestalten!
Lieber Herr Trojahn, in diesem Monat erlebt Ihr «Orest» in Kopenhagen seine sechste Inszenierung seit der Amsterdamer Uraufführung 2011. Damals haben Sie in einem Interview über den Protagonisten, der als suchender Held zwischen zwei archaischen Systemen steht – dem Matriarchat, das den Gattenmord erlaubte, und einer neuen patriarchalischen Ordnung –, gesagt: «Wie alle meine Helden geht er am Schluss fort, ohne eine Antwort auf unsere Fragen zu geben.
» Der Dirigent Vitali Alekseenok hat anlässlich der Uraufführung Ihrer «Septembersonate» im Dezember 2023 in Düsseldorf von einer «Konjunktiv-Oper» gesprochen. Ist dieses Konzept eine moderne Antwort auf die schwankenden Opernhelden des 19. Jahrhunderts?
Robert von Ranke-Graves deutet den Mythos um Orest auf eine Weise, die mir, im Versuch die Person des Orest zu beschreiben, gelegen kam. Ich bin ja kein Historiker, sondern ich gehe mit den Fakten und Annahmen so um, wie es für meine Erzählung richtig ist, und der Konflikt des Orest, der zwischen zwei Rechtssysteme gerät, war für den Beginn der Oper das Richtige. Die weitere Entwicklung des Stückes zeigt dann einen Orest, der sich von den Zwängen der gesellschaftlichen – und auch der ...
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Opernwelt September/Oktober 2024
Rubrik: Interview, Seite 57
von Klaus Heinrich Kohrs
Quella è proprio brutta» – «jene ist wirklich hässlich», soll Verdi über die am 12. August 1845 im Teatro San Carlo in Neapel uraufgeführte «Alzira» gesagt haben. Über keine seiner Opern hat er ähnlich abschätzig gesprochen. Wenn schon der Schöpfer sein Werk verleugnet, darf man sich nicht wundern, dass die Nachwelt das vernichtende Urteil übernimmt. Die...
Zwei Matronen stöckeln hier einher. Nummer eins, das ist die bewundernd liebende Mama, erst recht, wenn der Sohn Männer mag. Nummer zwei, Tante Putzebumskaja mit Osteuropa-Akzent, ist weniger tolerant, winkt aber mit dem Scheck. Dass Nummer eins vom Autor des Abends Thomas Pigor höchstselbst und fränkelnd («Frau Däschner mit hardem D») übernommen wird, setzt den...
Wie Georg August Griesinger, der erste Biograph Joseph Haydns, uns mitteilt, klagte der alt gewordene Komponist darüber, «daß jetzt so viele Tonmeister komponiren, die nie singen gelernt hätten». Nicht nur für Haydn war der Gesang Grundlage aller Musik, egal ob für Stimme oder Instrument. Haydn selbst hatte das Singen als Sängerknabe am Wiener Stephansdom gelernt...
