Très charmant

Zarte Mélodies, halbseidene Chansons, klangvolle Postkarten – französisches Liedrepertoire mit Emmanuel Cury, Karine Deshayes, Victoire Bunel und Michael Rakotoarivony

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Ganze 13, in den Jahren zwischen 1869 und 1884 entstandene, Mélodies sind es, die dem schmalen Œuvre Henri Duparcs (1848–1933) eine Schlüsselstellung in der Entwicklung des französischen Kunstlieds sichern. Eine seelische, von der Lyrik Baudelaires inspirierte Ausdruckswelt verbindet sich dabei mit Wagners hochexpressiver Harmonik zu einem Liedstil, der für den gleichaltrigen Fauré und später für Debussy zum Vorbild werden sollte, mit seiner visionären Imagination zugleich aber hohe Anforderungen an die Interpreten stellt.

Emmanuel Cury, ein diskografischer Nobody, der auf eine lange Karriere als Sänger, Tänzer, Gesangslehrer und Leiter einer Zirkusschule zurückblicken kann, kommt mit Duparcs anspruchsvollen Solitären, die er in der Reihenfolge ihres Entstehens für das französische Independent-Label Calliope aufgenommen hat, erstaunlich gut zurecht. Er besitzt keine klangvolle, gar schöne Stimme. Im Gegenteil, sein Ton klingt trocken, in der Höhe angestrengt, bricht unter Druck oft aus und strömt nicht frei, entspannt dahin. Und dennoch trifft er den entscheidenden, den inneren, melancholisch-depressiven Ton dieser Lieder. Cury deklamiert eloquent, legt, von der Pianistin Sandra ...

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Opernwelt Februar 2021
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 30
von Uwe Schweikert

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