Trauma und Träume
Der Dichter war hingerissen. «Am Neujahrsabend hat mir Glucks ‹Iphigena auf Tauris› einen unendlichen Genuss verschafft, noch nie hat eine Musik mich so rein und schön bewegt als diese, es ist eine Welt der Harmonie, die gerade zur Seele dringt und in süßer, hoher Wehmut auflöst.» So Friedrich Schiller anno 1801. Nun weiß man, Schiller war ein Idealist. Doch zumindest was die Musik angeht, mag man ihm nicht widersprechen. Glucks 1779 in Paris aus der Taufe gehobene, wohl doch geglückteste Reformoper ist ein Geschenk an alle, die, ganz profan gesagt, Musik lieben.
Die Frage ist nur: Was sagt uns der Stoff, durch den diese göttlich bewegte Musik hindurchscheint wie eine leise Ahnung von einer besseren Welt?
Wenn sich der Vorhang in der Komischen Oper Berlin hebt, kann die Antwort nur traurig stimmen: Sie lässt sich gar nicht auflösen, diese Wehmut. Auf der in trübes Licht getauchten Bühne von Klaus Grünberg baumelt drei, vier Meter über dem Boden kopfüber eine männliche Leiche, schwingt hin und her wie ein Poe’sches Pendel. Ein Zeichen für alle anderen: Wer als Mann auf die Insel Tauris kommt, wird darauf umkommen. Erst wird gefoltert, dann heißt es klipp und klar: Kehle durch, Blut ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Geistergeschichte oder Psychodrama? Genau wie Britten diese Frage offen lässt, versucht auch Kiels Intendant Daniel Karasek in seiner Inszenierung der Kammeroper «The Turn of the Screw» keineswegs, eindeutige Antworten zu finden. Er erzählt das Stück ehrlich, dabei immer nah an der Musik, in klaren Bildern. Statt komplett ausgestatteter Bühnenräume stellt Norbert...
Gegenüber «Jenufa», «Katja», «Füchslein», auch «Totenhaus» und «Makropulos» gilt der «Broucek» immer noch als Außenseiter. Im deutschen wie im tschechischen Sprachraum. Ein in sich divergentes Stück, mit dessen zwei ganz unterschiedlichen Teilen, der Mondfahrt und der Reise ins 15. Jahrhundert, Regisseure sich schwer tun. Christian von Götz fand jetzt einen...
Es sollte ein neues Kapitel aufgeschlagen, Geschichte geschrieben werden. Mit zwei Ikonen des russischen Opernkanons. Von Grund auf überholt, in den Farben unserer Zeit würden sie erstrahlen, hatte man gehofft. Doch es kam anders.
«Boris Godunow» lief im Bolschoi Theater in einer Inszenierung aus dem Jahr 1948 – bis jetzt. Letztes Jahr wurde die Aufführung behutsam...
