Traum vom Messias
Nach der Premiere hatte Staatsoperndirektor Ioan Holender auf die Frage, ob man denn in Wien konservativer sei als anderswo, einen schönen Satz mit Nestroy-Qualität geprägt: «Die Wiener sind durchaus fürs Neue. Nur ändern darf sich nix.» Da aber nun Regisseur Barrie Kosky einiges an den gewohnten Topoi in «Lohengrin» zu ändern suchte, schien die Wiener Opernseele gekränkt, was sich beim Auftritt des Regieteams zum Schlussvorhang in einem elefantösen Buhkonzert äußerte.
Kosky interessierte sich nicht für die historischen und politischen Bezüge des Werks wie etwa Katharina Wagner in Budapest bei ihrem durch die deutschen Lande reisenden «Treuhand»-Lohengrin mit dem Schwanenemblem auf dem Aktenkoffer. Sondern er spielte dem Publikum eigentlich in die Tasche, indem er ein Märchen erzählte – freilich ein heutiges. Einen «kollektiven Traum über die Notwendigkeit eines Messias» (Kosky) wollte er schildern, auch den Traum – und das Trauma – Elsas, die im Schock über den Verlust ihres Bruders Gottfried das Augenlicht verlor. Die Vorboten von Jung und Freud, die Kosky im «Lohengrin» erkennt, spiegeln sich in den Figuren von Ortrud und Telramund, die quasi als Jung’sche «Schatten» von Elsa ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Die Bassariden», ließ Hans Werner Henze anlässlich einer von Gerd Albrecht geleiteten konzertanten Aufführung in Berlin vernehmen, deren Mitschnitt 1991 auf CD erschien, halte er im Rückblick für sein «wichtigstes Theaterwerk». Er verstehe sie aus der Distanz viel besser, liebe sie auch viel mehr als damals (1965/66), «als ich sie schrieb – hektisch und in einer...
Ein Kommunikationsgenie wie den britischen Dirigenten Simon Rattle hat es in der klassischen Musikhemisphäre wohl seit den Tagen Lenny Bernsteins nicht mehr gegeben. Dass Rattle (nicht erst als Nachfolger Claudio Abbados am Chefpult der Berliner Philharmoniker) zu den Top Ten der stabführenden Zunft aufschoss, ist nicht nur auf sein stets frisch wirkendes...
Wien liebt, ehrt, achtet, pflegt seine große Musikvergangenheit. Sagt man. Liest man in Reiseführern. Gilt als communis opinio. Stimmt’s auch? Nach einer angemessenen Gedenkstätte für den wichtigsten aller Staatsoperndirektoren, für Gustav Mahler, kann man lange suchen. Eine mickrige Tafel an dem Haus, von dem aus er jahrelang zum Arbeitsplatz ging, um mit Alfred...
