Trage Trauer, Natur!
Die Tonart verheißt wenig Gutes. Gevatter Tod blinzelt sardonisch grinsend um die Ecke, und nach nur vier Takten des Préludes ist der Absolutismus der Wirklichkeit einfach nicht mehr fortzudenken. Mehr und schlimmer noch: Er hat auf ganzer Linie gesiegt.
Anders lässt sich der Gang der harmonischen Dinge zu Beginn von Massenets «Werther» kaum interpretieren: Von der Grundtonart d-Moll (im zweiten Takt mit der Septime C im Bass) führt der Weg über verminderte Nonenakkorde auf der Subdominante und Dominante zu einem Quartsextakkord mit hinzugefügter Septe auf C; und als wäre das noch nicht «Fanal» genug, steigt die Basslinie parallel dazu vom D mal diatonisch, mal chromatisch hinunter zu einem Paukenwirbel auf G und stimmen Violoncello, Viola, Oboe und Altsaxophon (!) alsbald eine triste Melodie an.
Vor allem das Saxophon sollte man sich merken. Denn im dritten Akt, in Charlottes großer Liebesschmerzens-Arie «Les larmes qu’on ne pleure pas» («Die nicht geweinten Tränen fallen in uns zurück») wird dieses außergewöhnliche Instrument der im hauchzarten dreifachen Piano zwischen Bangen und Hoffen Schwankenden schwärmerisch-tröstend zur Seite stehen. Dass dies vergeblich ist, auch das ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Januar 2026
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Jürgen Otten
In der ersten Pause dieses fünfstündigen Abends suchen einige Besucher das Weite. Das ist durchaus verständlich, vor allem, wenn man ganz unvorbereitet in die Aufführung geht: Eine Frau sitzt auf einem Leuchtturm und gebiert ein Kind. Und später noch eines. Davor betreten Heinzelmännchen und andere seltsame Gestalten die Bühne, singen und bewegen sich eigenwillig....
Ich lehne Partien ab, die viel Schreien verlangen.» Ein Credo. Renato Bruson sang sie dann trotzdem, aber eben auf seine Art. Er hat all die Schurken, Sonderlinge und zwielichtigen Kerle zu sich herangeholt und ihnen andere, manchmal neue Facetten eröffnet. Auf dem Zenit seiner Karriere bildete der Italiener den Gegenentwurf zum sieben Jahre älteren Landsmann Piero...
Diese redaktionelle Eingebung ist Legende: «Prima, eine Donna am Pult», lautete 2002 die Überschrift zu einem Porträt der US-amerikanischen Dirigentin Marin Alsop in der «Süddeutschen Zeitung». Alsop war in jenem Jahr zur Chefdirigentin des Bournemouth Symphony Orchestra ernannt worden und damit eine der ersten (von wenigen) Frauen in führender Position. Seither...
