Tödliche Begierde

Daniel Barenboim und Andrea Breth legen in Luigi Cherubinis «Médée» an der Berliner Linendoper schonunungslos die Seelenqualen einer Künstlerin bloß, mit einer hinreißenden Sonya Yoncheva in der Titelpartie

Opernwelt - Logo

Medea. Allein der Name provoziert, irritiert, spaltet den, der ihn in den  Mund nimmt. Ruft Entzücken wie Entsetzen hervor, lässt das Herz beben, die Seele erzittern. Medea. Ein Hall von Assoziationen begleitet sie auf ihrem Weg, folgt der Eumeniden Erfüllerin, auf ihrer Spur: der Spur des Todes. Denken wir an Medea, schiebt sich unweigerlich eine Frage ins Feld unserer Wahrnehmung. Ist das nicht jene Grausame, die ihre beiden Kinder aus niederen Motiven, wie im Wahn und doch bei vollem Bewusstsein, meuchelte? Ja, sie ist es.

Sie hat die schändliche, verabscheuungswürdige Tat vollbracht, hat zwei unschuldig-hilflose Wesen, die einst ihrem Schoß entsprangen, eigenhändig ermordet, hat sie erdrosselt oder erdolcht und hernach das monströse Verbrechen gestanden, vor den Göttern und vor der Welt, und es nur zu einem verschwindend geringen Teil bereut. Warum? Weil sie den Mord als Ultima Ratio erachtete und verteidigte. Doch welche Notwendigkeit liegt hier zugrunde? Wie konntest du, so müssen wir Medea fragen, dergleichen Schreckliches tun? Wer bist du? Bist du wirklich nur eine mordende Mutter? Ja, würde Medea antworten: das bin ich. Denn ich bin Medea.

Aber das ist sie erst, nachdem ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Dezember 2018
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Robust

Grausame Geschichte: Eine Frau, die aufrichtig liebt, jedoch den Falschen. Vis-à-vis ein Mann. Auch er liebt, wird aber von der Staatsräson gezwungen zu töten. Das ist der Stoff, aus dem unsere Albträume sind. Oder eine französische Tragödie wie Pierre Corneilles «Horace» von 1640, die ihrer Faszination wegen weit später noch ein Bertolt Brecht aufgreifen sollte,...

Zeitgeschichten

Einszweidrei, im Sauseschritt ... Mehr als ein halbes Jahrhundert ist Theodor W. Adornos berühmtes Verdikt (aus der «Einleitung in die Musiksoziologie») jetzt alt, Oper hätte «nach Stil, Substanz und Haltung [...] nichts mehr mit denen zu tun, an die sie appelliert». Avancierte Komponisten in Europa hatten sich in diesem Sinne damals radikal von erzählenden Werken...

TV-Klassiktipps Dezember 2018

alpha

02.12. – 20.15 Uhr
Bach: h-Moll Messe

Chor des BR

09.12. – 20.15 Uhr
Jansons dirigiert Berg und Bruckner

Chor des BR

16.12. – 20.15 Uhr
Hengelbrock dirigiert Mozart

30.12. – 20.15 Uhr
Jansons dirigiert Dvořák

arte

03.12. – 00.40 Uhr
Mozart: Die Zauberflöte

Théâtre La Monnaie, Brüssel
ML: Manacorda, I: Castellucci, S: Bretz, van Ingelgem, Noldus, Karthäuser,...