Theater kann viel mehr

«Ästhetik auf drei Jahre», so deutet Heiner Goebbels für sich das Prinzip Triennale an der Ruhr – und knüpft damit im Grunde an die Idee des ersten Ruhrtriennale-Intendanten Gerard Mortier an. Wie der Flame will nun auch der Frankfurter Komponist, Hörspielmacher und Regisseur Heiner Goebbels seine eigene Ästhetik ins Ruhrgebiet importieren und im Dialog mit den Bewohnern, den renovierten Industriehallen und der Geschichte des Reviers überprüfen. Um diesen Zugang möglichst offen zu halten – ein Grundprinzip seiner Ästhetik – verzichtet Goebbels für seine drei Festspieljahrgänge bis 2014 auf ein Generalthema, wie es sich seine Vorgänger Jürgen Flimm und Willy Decker setzten. Pünktlich zu seinem 60. Geburtstag am 17. August eröffnet die Ruhrtriennale mit den «Europeras 1 & 2» von John Cage, einem selten gespielten Herzensstück des Intendanten, das er selbst in der Bochumer Jahrhunderthalle inszenieren wird. Im Hauptquartier der «Kultur-Ruhr» in Gelsenkirchen sinniert Heiner Goebbels auf seine bedächtige, aber bestimme Art über Aufbruch und Chancen eines neuen Musiktheaters.

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Steckt hinter Ihrer Idee, im Musiktheater viele Elemente und Kunstdisziplinen zu verschmelzen, die Vorstellung einer möglichst umfassenden Abbildung von Welt?
Nein, die Welt bringt ja jeder Zuschauer selbst mit, der mit seiner Erfahrung und seinem «Weltwissen» dem Bühnengeschehen zusieht. Mich interessiert nicht der Anspruch einer umfassenden Abbildung, spannend sind die Lücken, die zwischen Stimme, Text, Figur, Kostüm, Bühnenbild und Licht klaffen. Im traditionellen Theater dienen alle Elemente immer nur der Interpretation einer Figur oder eines Ausdrucks.

Wenn man aber – wie Cage das in seinen «Europeras» so genial gemacht hat – die Ebenen auseinandernimmt und die Bestandteile der Operngeschichte aus ihren Zusammenhängen löst, dann entstehen Zwischenräume, die der Zuschauer neu füllen kann. Das ist ein unglaublich motivierendes Angebot für das Publikum – und eine Chance fürs Theater.

Die Frankfurter Uraufführung der «Europeras» im Jahr 1987 hatte durchaus auch satirische Qualitäten, gemäß Cages Motto: «200 Jahre lang haben uns die Europäer ihre Opern geschickt. Jetzt bringe ich sie ihnen alle zurück.» War das gewollt?
Cage hatte damals in Frankfurt mit vielen Einschränkungen zu ...

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Opernwelt August 2012
Rubrik: Interview II, Seite 32
von Michael Struck-Schloen

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