Theater kann viel mehr
Steckt hinter Ihrer Idee, im Musiktheater viele Elemente und Kunstdisziplinen zu verschmelzen, die Vorstellung einer möglichst umfassenden Abbildung von Welt?
Nein, die Welt bringt ja jeder Zuschauer selbst mit, der mit seiner Erfahrung und seinem «Weltwissen» dem Bühnengeschehen zusieht. Mich interessiert nicht der Anspruch einer umfassenden Abbildung, spannend sind die Lücken, die zwischen Stimme, Text, Figur, Kostüm, Bühnenbild und Licht klaffen. Im traditionellen Theater dienen alle Elemente immer nur der Interpretation einer Figur oder eines Ausdrucks.
Wenn man aber – wie Cage das in seinen «Europeras» so genial gemacht hat – die Ebenen auseinandernimmt und die Bestandteile der Operngeschichte aus ihren Zusammenhängen löst, dann entstehen Zwischenräume, die der Zuschauer neu füllen kann. Das ist ein unglaublich motivierendes Angebot für das Publikum – und eine Chance fürs Theater.
Die Frankfurter Uraufführung der «Europeras» im Jahr 1987 hatte durchaus auch satirische Qualitäten, gemäß Cages Motto: «200 Jahre lang haben uns die Europäer ihre Opern geschickt. Jetzt bringe ich sie ihnen alle zurück.» War das gewollt?
Cage hatte damals in Frankfurt mit vielen Einschränkungen zu ...
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Opernwelt August 2012
Rubrik: Interview II, Seite 32
von Michael Struck-Schloen
Die Sache lässt ihn einfach nicht los. Was tun mit Monteverdis perfide schillernder «Poppea»? Wie sollen wir es halten mit einem Stück von Shakespeare’schem Format, das nur skizzenhaft, in zwei unterschiedlichen Manuskripten (Venedig und Neapel) überliefert ist und vermutlich mindestens drei weitere Autoren (Cavalli, Ferrari, Sacrati) hat? Schon einmal, gegen Ende...
Vor dem Eingang zur Pariser Opéra Comique stehen sie seit 1898 Seite an Seite, in Stein gemeißelt, überlebensgroß: Carmen und Manon, jene beiden Frauen, die nach den Worten des legendären Impresarios Albert Carré «die zwei Meisterwerke dieses Hauses und der französischen Musik» repräsentieren.
Ist es Manons Schuld, wenn heute Carmen die Spielpläne dominiert? George...
Bekanntlich leidet die Neue Musik darunter, wenn sie von Interpreten, die in der klassischen Vokalmusik nicht reüssieren konnten, als Refugium aufgesucht wird. Ohne das «über die Wiedergabe hinausgehende, selbstständige Moment der vokalen Sprache beim Interpreten ist gerade die Objektivität des Werkes nicht zu realisieren». Bestätigt wird diese Überlegung Adornos...
