Tanz über dem Abgrund
Schön geträumt?», fragt das Staatstheater Darmstadt im Motto der neuen Spielzeit, die Wünsche und Ängste, Zukunftsvisionen und Realitätsverlust in den Fokus rückt. Da liegt es auf der Hand, die Saison 2023/24 mit Offenbachs «Les Contes d’Hoffmann» zu eröffnen – der schwarzromantischen Traumoper par excellence. Als Einfallstor ins Reich der Fiktionen fungiert in Dirk Schmedings Inszenierung eine geöffnete Kühlschranktür: Grüne Flaschen leuchten im Eis wie ein magischer Gral, kalte Luftschwaden dringen heraus und vernebeln dem Titelhelden die Sinne.
Die Tür wird in Robert Schweers Bühnenbild zum Entrée für abgründige Hirngespinste: Lebendige Bierflaschen mit Kronkorken-Hüten und mannshohe Flaschenöffner platzen herein; übersprudelnde Fantasien fluten die enge Kemenate, in der Hoffmann, ein heruntergekommener Sänger mit orange getönter Sonnenbrille und schwarzem Seidenhemd, haust. Doch Schmeding beschwört nicht nur das Klischee der alkohol -benebelten Künstlerexistenz. An die Wände gepinnte Fotos mit Ausschnitten schwarz umrandeter Augen, praller Lippen, aufgerissener Münder, krallender Hände, muskulöser Männerkörper und Tänzerinnen zeichnen ein unheimliches Psychogramm. Wer wohnt ...
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Opernwelt November 2023
Rubrik: Panorama, Seite 48
von Sylvia Adler
Was ist sie doch für ein elegantes Räderwerk, diese Olympia, ein Spielzeug, das selbst spielen will. Mit seinen langen Fangarmen greift es nach dem Künstler und schwingt ihn rund um die eigene Achse. Es beglückt ihn wie die Blumen, die Vögel, die Herzen, die aus den Brüsten und aus tiefer gelegenen Körperregionen schießen im zweiten Akt von «Les contes d’Hoffmann»...
Schon 1841 hat ein Zeitgenosse, der Theatermann Carlo Ritorni, Klage darüber geführt, dass sich alle italienischen Opern wie Zwillinge gleichen: «Wenn man eine gesehen hat, kennt man alle.» Saverio Mercadantes im Jahr danach in Neapel uraufgeführtes romantisches Melodramma «Il proscritto» («Der Geächtete») macht da keine Ausnahme. In Salvadore Cammaranos Libretto,...
Wenn der Vorhang aufgeht, betritt eine Frau in bodenlangem Rock die verwaiste, sparsam bebilderte Bühne. Es ist die verwitwete Gutsbesitzerin Larina, mit einem Köfferchen in der Hand, in dem sich die Erinnerungsstücke ihres Lebens befinden. Sie alle werden eine Rolle spielen – vor allem Puschkins Versroman «Eugen Onegin», der später in zahllosen Exemplaren...
