Tanz über dem Abgrund
Schön geträumt?», fragt das Staatstheater Darmstadt im Motto der neuen Spielzeit, die Wünsche und Ängste, Zukunftsvisionen und Realitätsverlust in den Fokus rückt. Da liegt es auf der Hand, die Saison 2023/24 mit Offenbachs «Les Contes d’Hoffmann» zu eröffnen – der schwarzromantischen Traumoper par excellence. Als Einfallstor ins Reich der Fiktionen fungiert in Dirk Schmedings Inszenierung eine geöffnete Kühlschranktür: Grüne Flaschen leuchten im Eis wie ein magischer Gral, kalte Luftschwaden dringen heraus und vernebeln dem Titelhelden die Sinne.
Die Tür wird in Robert Schweers Bühnenbild zum Entrée für abgründige Hirngespinste: Lebendige Bierflaschen mit Kronkorken-Hüten und mannshohe Flaschenöffner platzen herein; übersprudelnde Fantasien fluten die enge Kemenate, in der Hoffmann, ein heruntergekommener Sänger mit orange getönter Sonnenbrille und schwarzem Seidenhemd, haust. Doch Schmeding beschwört nicht nur das Klischee der alkohol -benebelten Künstlerexistenz. An die Wände gepinnte Fotos mit Ausschnitten schwarz umrandeter Augen, praller Lippen, aufgerissener Münder, krallender Hände, muskulöser Männerkörper und Tänzerinnen zeichnen ein unheimliches Psychogramm. Wer wohnt ...
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Opernwelt November 2023
Rubrik: Panorama, Seite 48
von Sylvia Adler
Das hohe Lob stammt aus berufenem Munde: «Sie gehört zum Stamm der Pioniere, der Wegbereiter. Sie ist uns vorausgegangen, hat Bäume gefällt, Felsen gesprengt und Brücken gebaut, um den Weg freizumachen für die nach ihr Kommenden.» Es war Virginia Woolf, die diese Worte wählte, um eine der wohl erstaunlichsten Komponistinnen aller Zeiten zu beschreiben – Ethel...
Der Chor schwimmt, und das vorzüglich. Gewöhnlich ein Handikap von Laienvereinigungen, erweist sich die Tätigkeit hier als Kompetenzzuwachs von Profis, denn die Mitglieder gleich dreier Chöre singen nicht nur sitzend am Ufer des riesigen Bassins, das in den Hangar 1 des Flughafens Tempelhof gesetzt wurde, sie harren nicht nur schiffbrüchig auf einem Floß aus,...
Eine Sprossenwand gibt es, ein paar Turnmatten, Ringe und einen Boxsack. Doch ins Schwitzen gerät nur die stumme Statisterie mit gut definierten Astralkörpern und knappsitzenden Trainingshosen. Die eigentlichen Protagonisten tragen gern helle Sommeranzüge. Pro forma riskiert man ein paar Übungen in der Gymnastikhalle. Das passt zum Stücktitel, der mit «L’Olimpiade»...
