Es ist nie zu spät

Henze: Das Floß der Medusa an der Komischen Oper Berlin

Opernwelt - Logo

Der Chor schwimmt, und das vorzüglich. Gewöhnlich ein Handikap von Laienvereinigungen, erweist sich die Tätigkeit hier als Kompetenzzuwachs von Profis, denn die Mitglieder gleich dreier Chöre singen nicht nur sitzend am Ufer des riesigen Bassins, das in den Hangar 1 des Flughafens Tempelhof gesetzt wurde, sie harren nicht nur schiffbrüchig auf einem Floß aus, sondern sie müssen tatsächlich ins Wasser – ins Meer, das fast alle verschlingt, die sich 1816 an Bord der französischen Fregatte «Méduse» befanden.

In die Boote gerettet hatten sich damals nur die «Epauletten und Federhüte», also die Nomenklatura, während die 150-köpfige Mannschaft, darunter auch Frauen und Kinder, auf ein schnell gezimmertes Floß verfrachtet wurde. Zwei Wochen waren sie Hitze, Durst und Wahnsinn ausgeliefert – eine starke Metapher der Klassenherrschaft, die sich Hans Werner Henze, als Dramatiker äußerst instinktsicher, nicht entgehen ließ. Ob Théodore Géricault 1819 mit seinem berühmten, epochalen Gemälde die gleiche Anklage erheben wollte, ist ungewiss. Und auch nicht wichtig. Henze und sein Librettist Ernst Schnabel wollten es 1968, und es war unvermeidlich, dass sie dabei – wie fast alle ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt November 2023
Rubrik: Panorama, Seite 58
von Volker Tarnow

Weitere Beiträge
Handwerk mit Genie

Die «Ära Mahler» an der Wiener Hofoper, die von 1897 bis 1907 dauerte, gilt nicht nur als nie wieder erreichte Glanzzeit des Hauses, sondern war zugleich ein Meilenstein der Theatergeschichte. Dabei beschränkte sich Mahlers Rolle keinesfalls auf die Ausstrahlung als Dirigent. Gerade als Direktor und Regisseur – Funktionen, die in der Mahler-Biografik stets in den...

Der Reiz des Fremden

Es ist ein altes Lied im Opernkanon: Die Frau, die zu stark ist, wird entweder brutal ermordet, begeht Selbstmord, tanzt in den Wahnsinn oder löst sich anders tragisch auf. Was zu stark ist, muss zerstört werden, um die alte Ordnung wiederherzustellen. Und dies ist nicht das einzige Problem: Um den Ausstattungswert zu erhöhen, wird die Handlung oft in märchenhafter...

Ein Meisterwerk

Die Einleitung erinnert unüberhörbar an das zweite Bild von «La Bohème», an die rauschende Fröhlichkeit von Heiligabend in den Straßen des Quartier Latin. In «La rondine», dem Spätwerk Giacomo Puccinis, ist es fürs Erste jedoch bald vorbei mit der Ausgelassenheit. Gehört die Bühne einer jungen Frau, die von der großen, wahren Liebe träumt. Es ist Magda de Civry,...