Tanz mit dem Vulkan

Sie war Karajans Lieblingsmezzo, ein wandelndes Hochspannungswerk. Zum 80. von Agnes Baltsa

Opernwelt - Logo

Manchmal tat sie gar nichts mehr auf der Bühne. Stand da wie eine erstarrte Singsäule, wie heißes Eis. Weil da diese Präsenz war, die alles und alle an die Wand drückte. Dazu ein Gesang, der im besten Sinne gestisch war, von solch einer Eloquenz und Energie, dass jede Arm -bewegung, jeder Gang nur unnütze Verdoppelung gewesen wäre. Das wusste und weiß Agnes Baltsa, weil sie einen singulären dramatischen Instinkt besitzt. Diese innere Gespanntheit, gepaart mit vokalen Grenzgängen, machte die Griechin zu einer der wichtigsten Mezzosopranistinnen ihrer Zeit.

Karajan nannte sie sogar die beste «dramatische Mezzosopranistin», womit ungewollt Probleme und Gefahren bei der Baltsa umrissen wären. Im Grunde blieb sie eine Lyrische, die ihre Stimme dehnen, strecken und belasten konnte, ohne dass sie große Blessuren davontrug. Auch weil sie gern zum Belcanto zurückkehrte. Im Frühherbst ihrer Karriere sang sie zum Beispiel noch immer die Isabella in Rossinis «L’italiana in Algeri». Keine Bizarrerie eines alternden Stars war das, die Baltsa konnte weiterhin ihr Feinbesteck auspacken. Für die Verzierungen hatte ihre Stimme stets genügend Flexibilität, entscheidend waren aber die maliziösen, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt November 2024
Rubrik: Magazin, Seite 76
von Markus Thiel

Weitere Beiträge
Apostel der anderen Avantgarde

Der korpulente, sein kindlich-treuherziges Antlitz hinter einem Rauschebart verbergende Leif Segerstam unterschied sich schon rein äußerlich von allen anderen Meistern des Taktstocks; die Ähnlichkeit mit Brahms wurde von den Plattenlabels höchst dankbar ausgeschlachtet, US-Amerikaner sahen Santa Claus in ihm, und wer sich in Finnland ein wenig auskannte, den...

Wege durchs Labyrinth

Gespräch in einem Bayreuther Wirtsgarten. «Der wos do singt, der führt aa Regie», weiß eine schon betagte Dame, die sich zu einem ungefähr gleichaltrigen Paar an einen Tisch gesellt hat. Tiefen Eindruck erzielt sie mit der Aussage nicht. Die Dame ihr gegenüber schweigt, der Herr erwidert in lakonischem Bayreuther Dialekt: «Dees is mir worschd, mich wer’n die doo...

Kunst für alle

Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Judica Semler kann das. Und erzählt, dass es, wenn Leute früher in der DDR Gesang studierten, oft hieß: «Wenn du schlecht bist, kommst du nach Döbeln!» Gewiss ein undankbarer «Ruf». Semler ficht die böse Sottise aber gar nicht an. Sie ist dem Mittelsächsischen Theater seit Jahren treu. War dort erst Regieassistentin, dann...