Tabula rasa für den Neuanfang
Letzten August widmete das Magazin der «New York Times» dem Thema eine ganze Ausgabe: «Losing Earth. The decade we almost stopped climate change». Es ging um die Jahre 1979 bis 1989, als die Theorie der hausgemachten globalen Erwärmung zum ersten Mal ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rückte und die Mächtigen dieser Erde nur ein paar Unterschriften entfernt waren von einem bindenden Vertrag zur Begrenzung der Emissionen – und sie dann nicht leisteten.
Es herrschte Ausnahmesommer, die Doku war packend.
Wir reichten das Heft an einem freien Nachmittag auf Long Island hin und her, bis es – sonnencremeverschmiert, versandet – regelrecht auseinanderfiel. Sogleich wurde CO2-Ausgleichsgeld für die Reise nach New York gespendet, ein Mehrweg-Kaffeebecher angeschafft. Und doch: Wieder zu Hause, unternahmen wir wenig gegen unsere endlosen Flugreisen für den Job, dämmten auch das Haus nicht neu. Die Jugendlichen, die dieser Tage auf den internationalen Fridays-forFuture-Demos marschieren, haben uns etwas vorzuwerfen.
Kürzlich reiste ich nach Göteborg, um mir zeigen zu lassen, wie man ökofreundlich den «Ring» auf die Bühne bringt. Übrigens stieg ich dafür – anders als Operndirektor Stephen Langridge, der gerade für einen Trip nach Deutschland CO2-Werte verglichen und sich dann für Zug und Fähre entschieden hatte – wieder einmal in den Flieger. Immerhin, die Sorge ums Klima ist längst angekommen in der Oper. Allein in den letzten zwölf Monaten habe ich drei verschiedene Umweltopern gesehen.
John Luther Adams (übrigens ein Umweltaktivist der alten Schule) ließ in seinem für den Central Park in New York geschriebenes Stück «In the Name of the Earth» 600 Teilnehmer Ortsnamen singen und huldigte so Flüssen, Bergen, Seen. Tansy Davies versuchte es in «Cave» mit Konfrontationstherapie, wohl in der Hoffnung, man könne passiver Betroffenheit wie der meinen mit apokalyptischen Zukunftsvisionen beikommen: Die Erde liegt verwüstet, ein Kind kommt um.
Für diesen Ansatz haben sich auch Gisle Kverndokk und sein Librettist Aksel-Otto Bull entschieden, deren Opus «Upon this Handful of Earth» (2017) kürzlich die norwegische Erstaufführung erlebte – beim Osloer Internationalen Kirchenmusikfestival dirigierte Vivianne Sydnes die ausgezeichnet präparierten Kräfte der Oslo Sinfonietta, drei Chöre und sechs Solisten in einer minimalistischen Inszenierung (Gjermund Andresen). Mehr noch als bei Davies dient der katastrophale Zustand unserer Umwelt dazu, Tabula rasa zu schaffen für einen Neuanfang. Zu verstehen ist das Unglück hier ähnlich der Sintflut als von Gott gesandte, mindestens aber gebilligte Vernichtung nichtsnutziger Erdenbewohner.
Einige Menschen überleben diese Säuberung, angeleitet von einem messianisch-weisen Kind. Desgleichen eine Hummel. Wie im aktuell erfolgreichsten norwegischen Roman – Maja Lundes «Geschichte der Bienen» – wird ein überlebender Pollen- zum Hoffnungsträger. Musikalisch macht das Insekt am meisten Spaß: Immer wieder schwirrt es – nicht minder lautmalerisch, aber heiterer als bei Rimsky-Korsakow – in Oslos Dreifaltigkeitskirche aus der durchaus effektiv gebauten, aber doch pathosschweren Partitur.
Der Komponist Brett Dean meinte kürzlich zu dem Thema «Klimaoper»: So etwas könne er sich nur als Komödie vorstellen. Die Sache ist wahrlich nicht lustig, und doch liegt Dean wohl nicht ganz falsch. Jedenfalls warten in unserem Küchenschrank mittlerweile vier wiederverwendbare Kaffeebecher auf ihren Einsatz.
Einen ganz neuen, überraschenden Surround-Sound hatte Moritz Eggert versprochen. Einen Klang, der dank überall im Raum aufgestellter Boxen die Zuhörer umhüllen sollte. Im zweiten Rang der Komischen Oper ist davon am Premierenabend nichts zu spüren. Was die Mikrofone vom Orchester und von den Stimmen einfangen, schallt aus der großen Lautsprecherbatterie, die über der Bühne hängt, frontal...
Der erste Staatsbesuch eines amerikanischen Präsidenten in China – Richard Nixon reiste 1972 zu Mao Tse-tung – war so bedeutend wie die Mondlandung drei Jahre zuvor. Der Regisseur Marco Štorman nimmt diese These am Stuttgarter Opernhaus als Anregung für seine Inszenierung. Er lässt Nixon gleich zu Beginn auf die Bühne heruntersteigen, als komme er aus der Mondfähre, und eine golden...
Wenn in der Ouvertüre zum ersten Mal der von drei dumpfen Paukenschlägen untermalte verminderte c-Moll-Septakkord erklingt, huscht über den noch geschlossenen Vorhang der schwarze Schatten eines Flugobjekts, das man nicht erwartet – eine Drohne. In Jossi Wielers Straßburger Inszenierung, einer Koproduktion mit La Monnaie in Brüssel und dem Staatstheater Nürnberg, speist sich das Grauen,...
