Sternstunde

Verdi: Otello am Theater Ulm

Opernwelt - Logo

Der Sturm tobt nur außen. Was gut ist. Man möchte ihn wirklich nicht erleben. Dazu lässt es das Philharmonische Orchester Ulm ordentlich krachen, blitzen und donnern. Es ist ein kosmischer, apokalyptischer Orkan, der alles und jeden wegfegt. Die Menschen haben sich in eine Schutzzone zurückgezogen, einen von Neonlicht erleuchteten Betonraum zwischen Bunker-Anmutung und Kuppelkirche. In diesem Interieur überlebt die Menschheit irgendwie und wartet auf ihren neuen Hoffnungsträger.

Otello tritt dann auch mit einem strahlenden «Esultate» auf und schwingt sich gleich am Anfang mühelos zum kräftezehrenden hohen H hinauf. Rodrigo Porras Garulo ist eine Idealbesetzung: baritonal gestützt in der unteren Lage und mit heldenhafter, blitzsauberer Höhe gesegnet, dazu in der Darstellung mit psychologischer Tiefe – ein Bild von einem Mann und ein Tenor, der weiß, was er singt.

Der Mensch wird in diesem Ambiente auf seine innere Natur zurückgeworfen. Die nutzt der in der Rangfolge übergangene Jago. Das ist kein Schurke, sondern ein mit einem Borsalino-Hut ausgestatteter Intellektueller. Kein Bösewicht, kein kleinlicher Neidhammel, sondern die amoralische Elementarkraft, die stets das Böse will ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Februar 2025
Rubrik: Panorama, Seite 39
von Bernd Künzig

Weitere Beiträge
Liebestod und Inquisition

Camille Erlanger gehört zu den zahllosen Komponisten, deren Werk in toto der Furie des Vergessens anheimfiel. Die neun Opern des Parisers elsässisch-jüdischer Herkunft sind in ihrem Schwanken zwischen Naturalismus und Symbolismus, Wagner-Nachfolge und Impressionismus typisch für das französische Fin de Siècle. Nachdem Guillaume Tourniaire 2023 beim Wexford-Festival...

Wir irren allesamt, nur jeder anders

Ja klar, denkt man, typisch Marthaler. Da sitzen zwei Herren am Tisch, der jüngere braucht Geld. Ihm fehlen noch 7000 Schillinge. Der ältere will sie ihm sogar schenken, aber nur unter einer Bedingung: drei Kniebeugen, mit vorgestreckten Armen, langsam, tief und vollständig ausgeführt – eine Marthaler-Szene, wie wir sie kennen und lieben. Nur dass sie hier gar...

Editorial Opernwelt 2/24

Georg Friedrich Wilhelm Hegel war ein unverbesserlicher Optimist, sah er doch in der Entwicklung der Geschichte eine Entwicklung hin zu Freiheit und Vernunft. Allein ein flüchtiger Blick ins Heute hätte ihn vermutlich eines Besseren belehrt: Mag sich die Menschheit auf dem technologischen Vormarsch befinden (wiewohl in eine mehr als ungewisse Zukunft), so steht es...