Stärkste Stille
Zum Beispiel Frau H. Frau H. ist Anfang 50 und Geigerin in einem kleinen Stadttheater. Seit gut 30 Jahren sitzt die Musikerin, Mutter und geschiedene Ehefrau mit einer heimlichen Vorliebe für Kleist und Yoga abends im Orchestergraben und streicht mit Hingabe die vier Saiten ihrer Violine. Eines Tages aber überkommt sie die Panik – die «Aida»-Panik. Plötzlich erscheint ihr der für ihr Instrument so heikle Beginn von Verdis Nil-Oper als unüberwindbare Hürde. Plötzlich erscheint ihr die einsame Höhe nicht mehr als etwas, das sie erklimmen könnte. Selbst die Erfahrung hilft Frau H.
nicht mehr weiter, zu groß ist die Angst vor dem Scheitern, vor dem bösen Blick der (männlichen) Pultnachbarn, vor dem heiligen Zorn des Dirigenten. Doch Frau H. ersinnt einen Ausweg. Sie tut nur noch so, als ob sie spielt. Ihr Bogen gleitet nicht mehr über die Saiten, er gleitet durch die Luft. Frau H. wird zu einer Solistin der Stille.
Die Geschichte ist, unabhängig davon, ob ihr Erzähler, der ehemalige Hornist Ofer Waldman, sie erfunden hat oder ob sie sich tatsächlich so zugetragen hat, schlichtweg grandios. Denn sie beschreibt etwas, das kein Mensch im Auditorium an einem gewöhn -lichen Opernabend zur ...
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Opernwelt September/Oktober 2024
Rubrik: Magazin, Seite 93
von Jürgen Otten
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