St. Gallen: Einbruch des Anderen
Mit einem Schrei der Senta wird der Zuschauer in die Pause entlassen. Der Regisseur Alexander Nerlich legte sie auf den Beginn des Finales zum zweiten «Holländer»-Akt, wo der geheimnisvolle Mann erstmals in Sentas Blickfeld tritt, genauer: wie von einer unsichtbaren Macht auf die Bühne geworfen wird. Nerlich geht es in dieser Geschichte vor allem um den Einbruch des Unheimlichen, Irrationalen in das Dasein der biederen Fischerleute, was deren Welt gehörig aus den Fugen geraten lässt.
Erik, der Verschmähte, wandelt sich vom selbstmitleidigen Liebhaber zur tragischen Figur; Arnold Rawls verleiht ihr Züge echter Verzweiflung. Das Dorffest zu Beginn des dritten Akts – die von Michael Vogel glänzend vorbereiteten Chöre aus St. Gallen und Winterthur machen es zu einem musikalischen Höhepunkt des Abends – läuft aus dem Ruder. Während zuvor die Mädchen, gouvernantenhaft angeleitet von Mary (Susanne Gritschneder), brav ihre Lieder gesungen haben, wird es nun turbulent; der Steuermann etwa, den Nik Kevin Koch mit hellem Tenor singt, geistert als tumber Freier durch die Szene, einige Figuren tauchen plötzlich doppelt auf, als sei die Wahrnehmung gestört. Nur Daland (Matt Boehler), diese ...
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Opernwelt Januar 2014
Rubrik: Panorama, Seite 41
von Max Nyffeler
Das Bild vom Kreator der «Reformoper» war lange musikgeschichtlich so verfestigt, dass der «andere» Gluck ganz in Vergessenheit geriet. Dass mit dem (1750 in Prag uraufgeführten) «Ezio» nun ein früheres Gluck-Stück wiederentdeckt wurde, liegt wohl ebenso an der gewachsenen Geltung der Barockoper wie an der postmodern erweiterten Bewertung des Komponisten. Und die...
I.
Gleich zu Beginn, wenn das tiefe «Es» aus dem Orchestergraben brummt, hebt sich der eiserne Vorhang. Im Halbdunkel sehen wir ineinander geknäulte Menschenleiber, hundert oder hundertfünfzig mögen es wohl sein. Ein Spiegel, der aus dem Schnürboden herunterragt, lässt ihre Zahl ins Unendliche wachsen. Je mehr sich der Es-Dur Dreiklang auffaltet, desto mehr faltet...
Elektrisierende Streicher, dunkel murmelndes Klavier. Wind, der die Baumwipfel zaust, in rhythmischen Böen niederstreicht – so beginnt Ralph Vaughan Williams’ «On Wenlock Edge» zu Texten aus A. E. Housmans «A Shropshire Lad», uraufgeführt 1909. Dann sind da die Glocken in «Bredon Hill», schwingende Quinten, leichtfüßig durchschrittene Terzen, schließlich düstere...
