So viel Zeit muss sein
Der graue Linoleumboden riecht nach Schulsport, die Neonröhren summen leise. Hier ein Plüschsofa, dort eine Schubkarre voll abgewetzter Männerschuhe. An den Wänden: Ballettstangen. Ein groß gewachsener Mann im Sakko kriecht auf allen Vieren in die Mitte des Raumes, beobachtet von einer kleinen älteren Frau, die hinter einem langen Holztisch verkehrt herum auf ihrem Stuhl hockt. Der Pianist greift in die Tasten und singt: «Mein Soohn Amfoortaas, bist du am Aaamt?». Die Frage gilt dem Mann am Boden. Der scheint an seinem vorläufigen Ziel angekommen – einem Podest aus Europaletten.
Der Bariton Mathias Hausmann, die Spielleiterin Verena Graubner und der stellvertretende Studienleiter Christian Hornef feilen im dritten Stock der Oper Leipzig an Wagners «Parsifal». Zehn Jahre ist es her, dass Roland Aesch-limanns Inszenierung Premiere feierte, seitdem ist sie regelmäßig im Spielplan – und muss, wie jetzt zu Ostern, immer wieder aufpoliert werden.
Hausmann hievt sich auf die Paletten und singt von Amfortas’ Todessehnen. Sein Blick verfestigt sich in der Ferne, sein Atem geht schwer. Die Qualen, hörbar in der Stimme, sichtbar in der Mimik – man kauft sie ihm ab, auch ohne Kostüm und ...
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Opernwelt Juli 2016
Rubrik: Aus der Werkstatt, Seite 46
von Nora Sophie Kienast
Melancholie verschattet die Gesichter der beiden Knattermimen: «In Linz müsste man sein ...» Die süffisante Schlusspointe des legendären Sketchs von 1959 mit Helmut Qualtinger und Johann Sklenka, in dem zwei Provinzschauspieler ihr Leben Revue passieren lassen und ihren Träumen nachhängen, ist längst zum Sprichwort geworden. Ganz im Sinne des hierzulande...
Man muss ihn einen erfolgreichen Sisyphus nennen, und so sieht er sich auch selbst. Als Opernintendant in Amerika hat David Gockley den Stein der Ästhetik immer den Berg hochgerollt, um zu sehen, wie er auf der anderen Seite als Stein der kommerziellen Abhängigkeit wieder herunterrollte. Abgehalten von seiner unerschrockenen Politik der Innovation hat ihn das...
Als rätselhafter Solitär steht Bizets «Carmen» in der Operngeschichte, irgendwo zwischen Wagner und der Italianità des ausgehenden Belcanto und aufkommenden Verismo. Der Komponist, auch mit seiner jugendlichen C-Dur-Sinfonie (einer verfrühten «Symphonie classique») ein aus der Zeit Gefallener, ließ sich nicht wie seine Landsmänner Chausson und (zeitweilig) Debussy...
