Sing mir das Lied vom Tod
Versucht haben es viele. Doch nur eine Dichterin vermochte es, das «Phänomen» in betörende Worte zu kleiden; kaum zufällig ebenfalls eine viel zu früh Verglühte.
In ihrer «Hommage à Maria Callas» beschreibt Ingeborg Bachmann die Diva assoluta als eine Künstlerin, die kontinuierlich über sich selbst hinausging und dabei immer auch das Gegenteil von dem war, was sie verkörperte: «Sie wird nie vergessen machen, dass es Ich und Du gibt, dass es Schmerz gibt, Freude, sie ist groß im Hass, in der Liebe, in der Zartheit, in der Brutalität, sie ist groß in jedem Ausdruck, und wenn sie ihn verfehlt, was zweifellos nachprüfbar ist in manchen Fällen, ist sie noch immer gescheitert, aber nie klein gewesen. Sie kann einen Ausdruck verfehlen, weil sie weiß, was Ausdruck überhaupt ist. Sie war zehn oder mehr Male groß, in jeder Geste, in jedem Schrei, in jeder Bewegung, sie war, was an die Duse denken lässt: ecco un artista.»
Wie aber das fassen, was diesen Überschuss ausmacht und unsere Vorstellungskraft übersteigt? Wie einer Sängerin huldigen, deren vermutlich für alle Zeiten unvergleichlicher Sirenengesang sich in unser Bewusstsein eingeritzt hat als der purste Ausdruck menschlichen ...
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Opernwelt November 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Jürgen Otten
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