Lauter Posen

Puccini: Madama Butterfly
WIEN | STAATSOPER

Opernwelt - Logo

Das Gesicht ist klassisch schön, dunkel, klug, nachdenklich blickt es in einen Tischspiegel. Seit Beginn dieser Spielzeit empfängt Mary J. Blige als «Queen B.» solcherart das Publikum im Zuschauerraum der Wiener Staatsoper. Die Rhythm-and-Blues-Diva findet sich im Mittelpunkt eines fotorealistischen Tableaus der afroamerikanischen Konzeptkünstlerin Carrie Mae Weems, der mit großer Geste den originalen Eisernen Vorhang (eine altmeisterliche Orpheus-Szenerie auf Goldgrund des als NS-Sympathisant verschrieenen Malers Rudolf Hermann Eisenmenger) überdeckt.

Ioan Holender hatte solche «Verhängungen» 1998 eingeführt; dies ist die nunmehr dreiundzwanzigste und zweifellos attraktivste – opulent, erotisch, zugleich aber eine ironische Kritik am Kolonialismus, aufgeschäumt nach Art eines barocken Stilllebens mit Stereotypen der westlichen kulturellen Repräsentation. Tendenziell passt dies sehr gut zur Eröffnungspremiere der Ära von Neo-Direktor Bogdan Roščić. Denn auch Puccinis «Madama Butterfly» ist kaum vom Vorwurf westlicher Überheblichkeit freizusprechen, was selbst die modische Eleganz von Anthony Minghellas Inszenierung nicht vergessen macht. In kaum einer anderen Oper wird die Arroganz ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt November 2020
Rubrik: Panorama, Seite 45
von Gerhard Persché

Weitere Beiträge
Die Unvollendete

Tolles Cover. Ungeschönt, ehrlich, direkt. Dazu erzählt es viel über diese ziemlich außergewöhnliche Frau. Der Blick ist klar, streng und doch verträumt, fast liebevoll. Um die geschlossenen Lippen spielt leise Ironie. Und beide Arme sind verschränkt, einerseits resolut, andererseits wie zum Schutz. Sie ließen sich öffnen. Und mit ihnen würde man einen Weg...

Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt

Zazà auf der Suche nach dem Glück. Als ob sie eine Betonwand mit Sonnenlicht bemalen wollte. Sie ist étoile eines Tingeltangels in Saint-Etienne, Männer umschwirr’n sie wie Motten das Licht. Doch sie fordert aufgrund ihrer unglücklichen Kindheit ein Recht auf echte Liebe ein – die, so ihr Irrglaube, hat sie bei Milio Dufresne gefunden. Aber der bourgeoise...

Jenseits der Linearität

Die Staatsoper Unter den Linden eröffnet ihren Premieren-Reigen traditionell am Tag der Deutschen Einheit und wählt dafür gern ein symbolträchtiges Stück. In diesem Jahr war es Luca Francesconis «Quartett» nach dem gleichnamigen Theaterstück von Heiner Müller. Der Dramatiker imaginiert darin die Hauptfiguren von Choderlos de Laclos’ Briefroman «Liaisons...