Jenseitig verklärt

Johannes Kalitzkes Klang-Oratorium «Jeanne d’Arc» konzertant beim Carinthischen Sommer

Gemeinhin gilt eine Filmmusik dann als adäquat, wenn sie hinter oder unter den Bildern so verschwindet, dass man sie nicht mehr bewusst wahrnimmt: Musik als Funktionsträger, als Geschmacksverstärker. Damit hat freilich der 61-jährige Kölner Johannes Kalitzke nichts am Hut. Seit geraumer Zeit beschäftigt sich der Komponist und Dirigent (nicht nur in eigener Sache) mit neuen Musiken zu Stummfilmen.

Nicht um die Untermalung oder Illustration von laufenden Bildern aus der Frühzeit der Filmgeschichte geht es dabei.

Vielmehr (be-)sieht (sich) Kalitzke das Material im Hinblick auf die jeweilige Bildästhetik, um aus diesen Parametern eigenständige «Tonspuren» abzuleiten. Sie sollen, wie der Komponist es nennt, eine klangliche «Subkontur» erzeugen.

Das jüngste, beim Auftrag gebenden Carinthischen Sommer in Villach uraufgeführte Projekt ist ausufernd umfangreich. Es geht um eine filmhistorische Ikone, Carl Theodor Dreyers «Jeanne d’Arc» von 1928. Schon der Film erzählt nicht die Geschichte des lothringischen Bauernmädchens, das als Bannerträgerin Frankreichs den Kampf gegen die Engländer und Burgunder führte. Er nimmt vielmehr das Ende Jeannes in den Blick, macht die historischen Protokolle ...

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Opernwelt November 2020
Rubrik: Magazin, Seite 69
von Karl Harb

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