Sex, Lügen und Hollywood
An wundersame Wasserwesen, an Undinen, kleine Meerjungfrauen, Mädchen mit Fischschwänzen können wir kaum mehr glauben. Er sei ihnen gut, bekannte noch der alte Wagner am Vorabend seines Todes, und lauschte den Klagen seiner Rheintöchter nach, aber das ist lange her. Was da webt und west, sind ja, wir wissen es, bloß männliche Projektionen. Die Wirklichkeit ist anders, und für das Regieduo Philipp Stölzl/Philipp M. Krenn ist Rusalka eine heroinsüchtige Sexarbeiterin an einem dekorativ heruntergekommenen Straßenstrich in New York Anfang der 1960er-Jahre.
Alles da, die Feuertreppen und Mülltonnen, die Gewalt-Gangs von New York, und wenn es Winter ist, rieselt unentwegt Schnee und es dampft aus dem Gullydeckel. Rusalka muss da raus, soviel ist klar, und es wird, bis zu ihrem traurigen letzten Schuss am Ende, wenn alle Illusionen perdu sind, nicht gutgehen.
Stölzl und Krenn zeigen den Untergang der armen Rusalka im Spannungsfeld von gleich drei Industrien, die für die gewerbsmäßige Fabrikation von Träumen zuständig sind: Sex, Hollywood, Beauty. Deshalb muss die arme Rusalka, der Johanni van Oostrum leidensinnige, anrührende Glockenhöhen mitgibt, ins Haar- und Nagelstudio der Jezibaba ...
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Opernwelt August 2023
Rubrik: Panorama, Seite 51
von Holger Noltze
Es war ein Jahr voller Krisen, dieses 1923: Hyperinflation, die Besetzung des Ruhrgebiets durch französische und belgische Truppen, der dadurch angestachelte Nationalsozialismus (mit bekannten, schlimmsten Folgen wenige Jahre später). In seinem Buch wirft der 1975 geborene Tobias Bleek ein besonderes, intensives, immersives, informatives Dauerschlaglicht auf die...
Verfluchter Tag mit deinem Schein! Wachst du ewig meiner Pein?», lamentiert Wagners Tristan. Er wendet sich ab vom Tageslicht, als verletze es ihn. Doch nicht eine seltene Lichtkrankheit plagt Isoldes Geliebten; vielmehr huldigt dieser der romantischen Ideologie, wonach das ersehnte Nachtdunkel als Inspirationsquelle zu verstehen sei. Das Booklet der CD «Insomnia»...
Herr Scholl, frei nach Udo Jürgens: «Mit 55 Jahren …»
(lacht und singt) Mit 55 Jahren, da fängt das Leben an …
Fängt es womöglich für Sie als Bariton an?
Nun ja, der Bariton ist in meiner Kehle immer ein Fremdkörper gewesen. Ich habe im Kiedricher Knabenchor angefangen zu singen, dem zweitältesten Knabenchor Deutschlands, und meine Countertenorstimme ist die...
