Seelen-Bergwerk

Das Orchester ist Teil einer spär­lichen Handlung. Was heißt Handlung? Es ist ein musiko-literarischer Abend, bei dem Wort und Ton ineinandergreifen, sich behutsam ergänzen, ohne je wirklich zusammenzugehören oder, umgekehrt, sich bewusst in die Quere zu kommen.
Der Regisseur und Schauspieler Tobias Moretti hat für die Ruhr­Triennale ein Programm entworfen, dessen Titel an Johann Peter Hebel angelehnt ist: «Der Seelen wunder­liches Bergwerk».

Moretti hat Texte von Trakl, Heine, Grillparzer, Marti, Enzensberger, Houllebecq, Rilke und eben Hebel zusammengestellt und diese musikalisch mit Werken von Mozart, Kraus, Haydn, Britten, Pärt u. a. gemixt. Als großartig entpuppte sich das Kammerorchester modern­times, das sich mit Verve, Sorgfalt, Raffinesse und Kühnheit ins Zeug legte. Nichts entging seiner Aufmerksamkeit, kein Moment Langeweile, nie Mittelmaß. Moretti, der fortwährend von einem Akkordeon tragenden Kompagnon begleitet wurde, las die Texte eindringlich, weil unaufdringlich, mit geschickten Ritardandi, kleinen Pausen, subtilen emphatischen Höhepunkten.
Das szenische Geschehen als durchgehende Handlung zu bezeichnen, wäre zu viel gesagt. Das Orches­ter macht beispielsweise an ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Dezember 2005
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Christoph Vratz

Vergriffen
Weitere Beiträge
Eine Welt für sich

An der Mercedesstraße von Cannstatt nach Untertürkheim liegt die Stuttgarter Schleyerhalle, in der Reitturniere stattfinden, Holiday on Ice versprochen wird und in der Bon Jovi oder Udo Jürgens auftreten. Rund achttausend Zuschauer begehrten an einem goldenen Oktober­abend Einlass, um eine Legende zu besichtigen: Luciano Pavarotti, der wenige Tage zuvor siebzig...

Tragödie als Farce

Erstmals wagt sich die Deutsche Oper am Rhein an die «Trojaner» von Hector Berlioz und delegiert arbeitspraktisch geschickt je einen der beiden Teile nach Duisburg und Düsseldorf. Wie Herbert Wernicke 2000 bei den Salzburger Festspielen schiebt Regisseur Christof Loy als Kommentar, nur in Duisburg, Offenbachs Buffa «La Belle Hélène» nach. Auch diese lässt er im...

Im Schoß der Wolga

Wieder, wie schon bei seiner letztjährigen Bremer «Turandot», vertraut Peer Boysen auf die Ausdruckskraft seiner exzentrischen Kostümentwürfe, wieder führt er die Personen mehr stilisiert als realistisch und erzielt damit bei Janáceks «Katja Kabanova» womöglich noch stärkere Wirkungen. Die Kabanicha, unfreiwillige Draht­zieherin des tragischen Geschehens, erscheint...