Schwestern im Geiste
Theoretisch müsste jetzt das große Duett kommen. «Donna reale», die Anrufung der hohen Frau, und dann, von vielen vokalen Girlanden durchzogen, die Widerspiegelung einer heißen, jedoch unmöglichen Beziehung. Aber wir sind ja nicht bei Donizetti, obwohl Elisabetta I. und Roberto Devereux auf der Bühne stehen. In Puccinis «Turandot» erfolgt der Rückblick der Angebeteten auf eine traumatisierte Kindheit: «In questa reggia», es ist der Monolog der Prinzessin, an dessen Ende sich das Paar zum gemeinsamen hohen, brünstigen Fortissimo-C schraubt.
Was beide Stücke miteinander zu tun haben? Musikalisch nichts. Aber die «jungfräuliche Königin», wie sie genannt wurde, die ihre einzige Ehe mit dem Staat einging, und die sich gegen Männer verpanzernde chinesische Prinzessin – da lassen sich viele Parallelen entdecken. Die Irritation am Staatstheater Nürnberg weicht also einem Aha-Erlebnis. Und noch weitere Schwestern im Geiste entdeckt Regisseurin Kateryna Sokolova. Frauen, die in Männerwelten kaum bestehen können, die an der Unmöglichkeit von Beziehungen zum anderen Geschlecht leiden, manchmal sogar tödlich scheitern. Also sehen wir auch die Holofernes mordende Judith, Medusa und auch Eva, ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt März 2026
Rubrik: Im Focus, Seite 24
von Markus Thiel
Hat Lise Davidsen ein Opernwunder geschaffen mit ihrem Rollendebüt als Isolde? Ohne Zweifel. Aber für ein Opernwunder wie dieses braucht es mehr Zutaten als nur eine einzige phänomenale Sängerdarstellerin. Am Gran Teatre del Liceu in Barcelona sind ziemlich viele davon zusammengekommen bei «Tristan und Isolde». Schon in den ersten Takten wird deutlich: Dieser Abend...
Die Nacht an diesem Uraufführungsabend ist eiskalt, der Himmel über Helsinki sternenklar: Der fast volle Mond und der glitzernde Abendstern in seiner Nähe indes lächeln einander nicht friedlich zu, sie scheinen eher fragend dreinzublicken ob des Wahns der Zerstörungswut, mit dem sich die Gattung Mensch da gerade an den Rand der Apokalypse katapultiert....
Melancholie, mon amour! So flüstert man ins Dunkel, wenn das Solo-Violoncello zu Beginn der «Elegie» seinen traurigen Gesang anstimmt, so als sei es die Verkörperung eines großen (schönen?) Schmerzes in einer kleinen, verwundeten Seele, und wenn danach Hélène Guilmette in eine der fiktiven Frauenfiguren Massenets hineinschlüpft und die tristen Verse von Louis...
