Schrecklich schön
Der Horror einer Gespenstergeschichte stellt sich meist ein, wenn das Unheimliche real wird. So auch in Brittens Kammeroper «The Turn of the Screw»: Die Geister Peter Quint und Miss Jessel werden Wirklichkeit, weil sie singen. In der literarischen Vorlage von Henry James haben sie keine Stimmen, und es bleibt offen, ob sie reine Projektionen der Governess sind, die sich um zwei allein gelassene Kinder auf einem Landgut kümmern muss, oder ob die Untoten Miles und Flora wirklich in ihrer Gewalt haben.
Hinrich Horstkotte ist von der geisterhaften Realität überzeugt.
Mit enormer physischer Präsenz tritt in seiner Inszenierung am Theater Ulm das verwesende Gewesene in Erscheinung und bemächtigt sich der beiden Kinder. Den Knaben Miles führt Quint wie eine Marionette an unsichtbaren Fäden. Wenn er auf dem vor ihm als willenloses Tier Knienden reitet, ist andeutungsreich klar, welch perverse Geheimnisse die beiden miteinander teilen und in welch fürchterlicher Abhängigkeit sich der Kleine befindet. Hier wird Brittens verborgenes Spannungsverhältnis klar: Er liebt diese Knaben und ihre Stimmen, erliegt aber seiner «Neigung» nie, weil er sie durch Kunst sublimiert. Wer Emanuel Dausend als ...
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Opernwelt Juni 2026
Rubrik: Panorama, Seite 61
von Bernd Künzig
Bei der Premiere saß die Claque gut hörbar links im Parkett. Dabei wäre sie gar nicht nötig gewesen, denn in Bern ereignete sich ein kleines Theaterwunder. Auf dem Spielplan stand Verdis «La forza del destino», keine triviale Aufgabe. Am Werk war ein Kreativ-Team um Regisseurin Julia Lwowski. Wer die aus dem Kollektiv «Hauen und Stechen» – was ja gut zu einer...
JUBILARE
Marisa Galvany, die am 19. Juni 90 Jahre alt wird, kam 1936 in Paterson im US-Bundesstaat New Jersey als Tochter osteuropäischer Einwanderer zur Welt und debütierte 1968 an der Seattle Opera als Tosca. Auch ihr internationales Debüt gab sie in einer Titelrolle: als Aida 1972 am Palacio de Bellas Artes in Mexico City. Von 1972 bis 1983 war sie regelmäßig in...
Wovon John Dowland an Tagen wie in Nächten geträumt hat? Es entzieht sich unserer Kenntnis. Aber nur zu einem Teil. In jenen Texten, die seinen zauberischen Musikstücken zugrunde liegen, offenbarte der große englische Renaissance-Komponist eine tiefe Liebe zu den dunklen, verborgenen Dingen dieser Welt. Es genügt, um das zu beglaubigen, ein flüchtiger Blick auf...
