Dioskuren zwischen Milchstraße und Ursuppe
Jupiter ruft im zweiten Akt das olympische Dienstpersonal auf, seinem unsterblichen Sohn Pollux vorzuführen, worauf dieser für immer verzichten will. Der aber ist verzweifelt entschlossen, seinen sterblichen Zwillingsbruder aus der Unterwelt zurückzuholen, selbst um den Preis der eigenen Göttlichkeit. Mit Blumenkränzen, Tanz und verführerischer Musik suchen Hébé und ihre Gefolgschaft vergeblich, ihn von den Wonnen des Olymps zu überzeugen.
Wie aus all den Entrées und Airs jenseits der Blumenornamente einen Gedanken gewinnen, der der für die Divertissements typischen Episodenkette Konsistenz verleihen könnte? Der Choreograph Edward Clug wagt in seiner Genfer Inszenierung von Rameaus Tragédie lyrique kühne Assoziationen, die im scheinbar Banalen das Mythische aufscheinen lassen. Wir sehen den Olymp als ein Reich nie versiegender Nahrung, als ein Reich der Fluidität: Milchflaschen anstelle von Nektar und Ambrosia deponiert der Chor verstreut auf dem Boden, formt sie schließlich zum großen bühnenbeherrschenden Ornament einer «Milchstraße», die als ewige Nahrungskette gelesen werden kann. Feine Ironie, die vom Traum ewigen Säuglingsglücks lebt, hält diesen nährenden, flüssigen ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juni 2026
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Kalus Heinrich Kohrs
Sieben Produktionen in vier Tagen, davon fünf Uraufführungen, und das mit einem Budget von rund 250.000 Euro: Das ist eine beachtliche Leistung des Teams um die künstlerischen Leiterinnen Christina C. Messner und Sandra Reitmayer beim Kölner Festival «Orbit» für aktuelles Musiktheater. Gespielt wurde in zwei alten, zu Kulturzentren umgenutzten Feuerwachen, im...
Bei der Premiere saß die Claque gut hörbar links im Parkett. Dabei wäre sie gar nicht nötig gewesen, denn in Bern ereignete sich ein kleines Theaterwunder. Auf dem Spielplan stand Verdis «La forza del destino», keine triviale Aufgabe. Am Werk war ein Kreativ-Team um Regisseurin Julia Lwowski. Wer die aus dem Kollektiv «Hauen und Stechen» – was ja gut zu einer...
Im Hotel Babylon ist die Hölle los. Sämtliche Todsünden geben sich hier die Klinke in die Hand, und es ist kein Wunder, dass daraus ein nachgerade faustisches Drama erwächst. Zumindest im gleichnamigen Lied-Zyklus der britischen Avantgarde-Komponistin Zoë Martlew, den diese, mit Blick auf Schönbergs «Brettl-Lieder» und im Gedenken an dessen 150. Geburtstag, für die...
