Schöne alte Welt

Preziosen: Christiane Karg und Malcolm Martineau mit Liedern von Gustav Mahler

Seltsam, diese patinierte Eleganz. Diese Zuflucht in ein behaustes «Es war einmal», in eine fragile Idylle, auf die durchaus Schatten fallen, die aber doch glänzt wie das Licht biedermeierlicher Veduten. Das beginnt mit der Aufmachung, dem Weich­zeichner-Porträt der Solistin auf dem Cover, Reminiszenz an die Foto-Medaillon-Kultur des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts.

Setzt sich fort in dem assoziativen Bedeutungshorizont, den der alles umgreifende Signalbegriff, zugleich Titel einer von Brahms inspirierten Miniatur des juvenilen Komponisten, aufruft: «Erinnerung» – Reise in ein verflogenes, verlorenes Gestern, das wohl einmal Heimat war. Und spricht aus beinahe jedem fein gesetzten Ton, jeder kultiviert geformten Legato-Phrase der 19 Lieder, die Christiane Karg für ihre Mahler-Anthologie ausgewählt hat.

Aber lassen sich so die Ambivalenzen und Paradoxien einer Musik vermitteln, die sich – schon in den frühesten Gesängen (1881/82), erst recht in den über eine Spanne von 14 Jahren (bis 1901) entstandenen Adaptionen aus Brentanos und von Arnims Wunderhorn-Kosmos, schließlich in den Rückert-Liedern (1901/02) – tastend, stockend, mitunter sprunghaft auf schmalem Grat bewegt, ohne ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Dezember 2020
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 25
von Albrecht Thiemann

Weitere Beiträge
Strahlen und Funkeln

Eine «Lucia auf komisch» sei die Sache. Das Libretto «äußerst fragwürdig, an großer Pathetik krankend». So urteilte Brigitte Fassbaender in ihrer so eigenen, ironisch-unwirschen Art. Warum man dann «Dame Kobold» überhaupt riskiert? Es ist die Musik.

Doch zuvor musste Joachim Raffs Dreiakter, 1870 uraufgeführt in Weimar, in die Regensburger Theaterwerkstatt....

Opus ultimum

Bis heute weiß niemand, warum es im Jahr 1763 nicht mehr zur Uraufführung von «Les Boréades» kam, obwohl bereits Proben für Jean-Philippe Rameaus letzte Oper stattgefunden hatten. War es das veraltete Genre der tragédie lyrique, an dem der knapp 80-Jährige festhielt, nachdem er zuvor jahrelang nichts Neues mehr komponiert hatte? Oder war es gerade die Neuheit der...

«Erschüttert und voller Sorge»

Es ist ein prachtvoller Bildband, den der Schott Verlag zu seinem 250. Geburtstag herausgebracht hat: eine Übersicht all der Erstausgaben, der Niederlassungen in aller Welt, vor allem aber der großen Komponisten, die man bei ihrer Arbeit begleitet und auch bezahlt hat, von Beethoven über Wagner bis Strawinsky, von Hans Werner Henze über György Ligeti bis Chaya...