Reise ins Unbewusste
Die Gefühle stauen sich nachttief in diesem Kabinett manischer Depressionen. Mag die Musik noch so hellsichtig von geheimem Begehren erzählen, mag sie das entfremdende Spiel um Liebe, Geld und gesellschaftliche Anerkennung noch so klar aufdecken, für den tragischen Helden, der sich hier am Klavier, im Fauteuil oder auf dem Ball das wahre Leben herbeisehnt, kommt jede Hilfe zu spät. Er kann noch so viele Noten schreiben, sich noch so rückhaltlos mit seinen Bühnengeschöpfen identifizieren – er bleibt auf sich selbst zurückgeworfen.
Allein mit den schweren grünen Vorhängen, dem dunklen Holz und den Bücherwänden im weitläufigen Salon. Allein mit den über dem Kamin zum Ölporträt erstarrten Frauen, an die er sich vergebens zu binden suchte, um das Verbotene zu ersticken. Allein mit der Verzweiflung, der Scham, dem inneren Druck der homoerotischen Energien, die ihn treiben, drängen, beseelen.
Im Muziektheater am Waterlooplein ist das Spiel bereits in vollem Gang, bevor es eigentlich begonnen hat: Ein Herr in korrekt geschlossenem grauen Tuch betrachtet schüchtern, stumm einen Kerl, der mit blanker Brust im Sessel döst. Schlohweiß das Haar, der Bart, um Fassung ringend, mit fliehender ...
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Opernwelt August 2016
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Albrecht Thiemann
Ein einziges Mal wird ungalant gezoomt. Das Gesicht von Antje Bitterlich ist fast formatfüllend. Doch die Miene ist entspannt, die Zunge liegt locker im Mund, auch ohne Ton wäre klar: Was für eine herausragende Königin der Nacht! Sophie von Österreich als sternflammende Mutter, Franz Joseph I. als Tamino (Jörg Dürmüller), Sisi als Pamina (Susanne Bernhard) und...
Das Gedankenspiel hätte ihm gefallen: Nach den Regeln der Quantenmechanik, meinte der Physiker Erwin Schrödinger 1935, könne eine Katze, die man in eine Kammer mit instabilen, sprich: potenziell strahlenden Atomen einschließe, gleichzeitig lebendig und tot sein. Warum? Weil man nicht weiß, wann genau die Kerne zerfallen und ihre radioaktive Energie freisetzen....
Man muss sie mögen, die Oper unter freiem Himmel. Tut man das aber, findet man sich ab mit wenig bequemen Sitzgelegenheiten, unfreundlichen Temperaturen und plaudernden Nachbarn. Auch mit dem blechernen Klang des Orchesters, das sich über eine verhältnismäßig bescheidene Verstärkeranlage bemerkbar macht, und dem ebenfalls verstärkten Darsteller, der rechts singt,...
