AUFGEWÄRMT
Es ist etwas Seltsames um Leoš Janáčeks «Jenůfa»: Eigentlich haben wir heute keinen Bezug mehr zu einer moralinsauren, ländlichen Welt von vor anderthalb Jahrhunderten, in der eine uneheliche Schwangerschaft das ganze dörfliche Leben auf den Kopf stellt und nicht nur den werdenden Eltern, sondern sogar deren Ziehmutter immerwährende Schande bereitet.
Aber wir leiden und hoffen noch immer mit der Titelheldin, die von ihrem geliebten Stiefbruder Števa im Stich gelassen wird, und die der andere Stiefbruder Laca zunächst verunstaltet, um sie dann mit seiner unverbrüchlichen Liebe zu retten. Ein Grund für diese bleibende Faszination ist Janáčeks Orchesterklang, der das Parlando der Singstimmen farbig und nie forcierend trägt; ein weiterer die empathische, minutiöse Zeichnung der Charaktere.
Regisseur Keith Warner setzt die Psychologie dieses Kammerspiels in Oslo präzise, empathisch und dank seines Ensembles überzeugend um. Hier werden Personenführung und spielerische Intensität zum Ereignis. Doch was mag Warner dazu gebracht haben, sich von Jason Southgate ein derart langweiliges Bühnenbild mit 1950er-Jahre-Geruch zu bestellen, überdies fast eine Kopie der Inszenierung von Olivier ...
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Opernwelt Mai 2022
Rubrik: Panorama, Seite 47
von Stephan Knies
Hybris tat noch keinem Herrscher gut. Auch der römische Kaiser Elagabal, der sich selbst für gottähnlich hält und seine Untertanen so lange unterdrückt, quält (und im Falle der stolzen Eritea sogar vergewaltigt), bis der Tyrannenmord, gleichsam als Ultima Ratio, unausweichlich wird, scheitert letztlich an dieser eklatanten Charakterschwäche. Hört man die Musik, mit...
Hören Sie – die Stille – kann man sie hören?» Eine Rhetorik der permanenten zweifelnden Zurücknahme oder halben Dementierung prägt das vom Komponisten stammende Libretto, sein zweites nach seinem ebenfalls an der Nederlandse Opera uraufgeführten «Orest». «Ich habe ihn geliebt – liebte ich ihn?» Vagheit, von der schon Berlioz im Hinblick auf eine neue Ästhetik der...
Noch schwerer als den Auftrag für eine Uraufführung zu bekommen, ist es für einen Opernkomponisten heute, ein Theater zu finden, das eine auch medial meist wesentlich weniger beachtete Nachaufführung wagt. Selbst renommierte Tonsetzer wie Aribert Reimann, Wolfgang Rihm oder Manfred Trojahn tun sich damit schwer. Umso erfreulicher, dass Mannheim jetzt eine Oper...
