Projektionen
Am Ende seines Lebens machte Wagner die viel zitierte Bemerkung, er sei der Welt noch einen «Tannhäuser» schuldig. Hat er im Innersten geahnt, dass das Theater dank seiner Kunst der permanenten Verwandlung einen neuen «Tannhäuser» auch ohne Hilfe des ursprünglichen Schöpfers herstellen könnte? Hundertfünfzig Jahre nach dem Erscheinen des Werkes hat sich der Wissensstand seiner Rezipienten erhöht. Psychoanalyse, Fortschritt der Forschung, Katastrophenerlebnisse haben den Erfahrungshorizont geweitet.
Solche Erkenntnisse lassen sich auf alte Werke rückprojizieren, wie man andererseits in den Stücken der Vergangenheit ahnungsvolle Zukunftsvisionen aufspüren kann.
Die Tannhäuser-Figur bietet sich für solche psychologischen Erkundungen an: ein Zerrissener, dessen Gespaltensein einen Musterfall für Doktor Freud abgegeben hätte. Tannhäuser als Personifizierung der Verdrängungsmechanik. Aber auch als Repräsentant des autonomen Künstlers, wie ihn im neunzehnten Jahrhundert Wagner selbst perfekt verkörperte. Dass dieser autonome Künstler mit der ihn umgebenden Gesellschaft in Konflikt gerät, gehört als Grundbedingung zu seiner Existenz, die immer in die Zukunft weist. Andererseits hat diese ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Vierzig Jahre sind ins Land gegangen, seit Joan Sutherland und der junge Luciano Pavarotti in Donizettis französischer Komödie auf der Bühne des Royal Opera House Händchen hielten. Bald darauf sollten sie die Welt erobern, nicht zuletzt dank jener ewig frischen Decca-Aufnahme, die uns daran erinnert, warum Pavarotti als «König der hohen Cs» galt.
Sutherland und...
Dass der seit August 2006 amtierende Met-Chef Peter Gelb der mächtigste Opernmanager Amerikas ist, sieht man ihm nicht an. Meist steckt der schmächtige Mann in einem unauffälligen, leicht verknitterten schwarzen Anzug. Das schüttere Haar wird gewiss von keinem Star-Coiffeur gestylt, und auf der Nase sitzt auch keine Designerbrille. Gelbs Büro im Parterre des...
Im Wiesbadener Publikum fährt der Adrenalinspiegel hoch: Mit großem Gepolter kracht ein Obelisk durch die Pyramidenwände der Bühne. Nieder mit Ägypten: Das Heer des Julius Cäsar seilt sich schwindelfrei vom Bühnenturm ab. Große Geschütze also für die populärste aller Händel-Opern? Zum Glück nicht. Der eröffnende Donnerschlag war schon der gröbste. Der Rest ist,...
