Projektionen
Am Ende seines Lebens machte Wagner die viel zitierte Bemerkung, er sei der Welt noch einen «Tannhäuser» schuldig. Hat er im Innersten geahnt, dass das Theater dank seiner Kunst der permanenten Verwandlung einen neuen «Tannhäuser» auch ohne Hilfe des ursprünglichen Schöpfers herstellen könnte? Hundertfünfzig Jahre nach dem Erscheinen des Werkes hat sich der Wissensstand seiner Rezipienten erhöht. Psychoanalyse, Fortschritt der Forschung, Katastrophenerlebnisse haben den Erfahrungshorizont geweitet.
Solche Erkenntnisse lassen sich auf alte Werke rückprojizieren, wie man andererseits in den Stücken der Vergangenheit ahnungsvolle Zukunftsvisionen aufspüren kann.
Die Tannhäuser-Figur bietet sich für solche psychologischen Erkundungen an: ein Zerrissener, dessen Gespaltensein einen Musterfall für Doktor Freud abgegeben hätte. Tannhäuser als Personifizierung der Verdrängungsmechanik. Aber auch als Repräsentant des autonomen Künstlers, wie ihn im neunzehnten Jahrhundert Wagner selbst perfekt verkörperte. Dass dieser autonome Künstler mit der ihn umgebenden Gesellschaft in Konflikt gerät, gehört als Grundbedingung zu seiner Existenz, die immer in die Zukunft weist. Andererseits hat diese ...
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