Offen für alle(s)
Die Welt, auch die der Oper, ist ungerecht. Während man den Großen stets, und sei es auch noch so kritisch, huldigt, führen die Kleinen meist ein Dasein im Schatten, sprich: Man bemerkt sie kaum. Doch gerade in den Darstellenden Künsten und hier insbesondere in der Oper liegt der große Gewinn in der Vielfalt. Und was das angeht, schauen die benachbarten Länder sehnsuchtsvoll nach Deutschland. Es ist dies nach wie vor das Land mit der größten Theaterdichte weltweit. Und das berühmte deutsche Stadttheater gewissermaßen das Fundament dieses Reichtums. Diesen vor Ort in Augenschein zu nehmen, ist Anlass und Impuls für die Serie «Opernwelt auf Landpartie», in der wir in loser Folge und von A bis Z die kleineren Häuser porträtieren.
An der Grenze herrscht absolute Ruhe. Die Hexen auf dem Brocken, dessen Silhouette man mit etwas Phantasie in der Ferne erahnen kann, schweigen still und stumm. Walpurgisnacht ist wohl ein anderes Mal. Vermutlich sieht man auch deswegen keinen Menschen in den Gassen von Sangerhausen, der in Theaterwelten berühmten sachsen-anhaltinischen Kreisstadt, durch die der Bus schaukelt. Wieder einmal ist der Deutschen Bahn etwas eingefallen, um den Reisenden auf Trab zu halten. «Schienenersatzverkehr», heißt das Zauberwort, eine Baustelle zwischen Erfurt und Nordhausen ist der Grund.
Immerhin hat man so die Gelegenheit, den Geburtsort von Einar Schleef zu durchkurven, wo es wirklich ein Lokal mit dem Namen «Zur scharfen Ecke» gibt und eine Ernst-Thälmann-Straße. An den Sänger von Sangerhausen, einen der wichtigsten (Chor-)Theatermacher des Landes, erinnert indes nur wenig. Und auch während der Weiterfahrt durch die schneebedeckte, sanfthügelige Landschaft, durch verschlafene Dörfer mit malerischen Fachwerkhäusern hinüber in den benachbarten Freistaat Thüringen, wird man von dem seltsamen Gefühl angeweht, dass es die Kunst in diesen Breitengraden nicht eben leicht hat.
Aber es gibt sie. Und ...
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Opernwelt März 2026
Rubrik: Reportage, Seite 82
von Jürgen Otten
Im Fernsehzimmer des päpstlichen Schatzmeisters Giacomo Balducci laufen KI-generierte Videos. Und auch die Idee für manche neonlichtdurchflutete Karnevalsszene ist nicht (nur) menschengemacht. Das Regieteam um Thaddeus Strassberger war so offen, einige als Inspiration dienende KI-Bilder mit ins dicke Programmbuch drucken zu lassen. Abgebildet ist eine bizarre,...
Die Nacht an diesem Uraufführungsabend ist eiskalt, der Himmel über Helsinki sternenklar: Der fast volle Mond und der glitzernde Abendstern in seiner Nähe indes lächeln einander nicht friedlich zu, sie scheinen eher fragend dreinzublicken ob des Wahns der Zerstörungswut, mit dem sich die Gattung Mensch da gerade an den Rand der Apokalypse katapultiert....
Es sind glockenhelle, luzide Töne, die Jana Baumeister bei ihrem Rollendebüt als Mélisande in den Bühnenhimmel schickt, mit lyrischer Leuchtkraft und makellos reinem Timbre. Doch bei aller Transparenz – ins Seeleninnerste der Figur lässt dieser irisierend schöne Gesang ganz bewusst nicht blicken. Was Mélisande denkt und fühlt, bleibt im Dunkeln, wie ein gut...
