O Tanz, o Rausch, o Wahn!

Hier wird die Musik zum Ereignis: Korngolds «Tote Stadt» an der Bayerischen Staatsoper in München, mit einem entfesselten Kirill Petrenko, einer hinreißenden Marlis Petersen und einem kämpferischen Jonas Kaufmann

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Das Bild passt zur Musik. Vor dem Spiegel, im Totenhemd, die kahle Sängerin, ein Gespenst: Marie. Hinter ihr Paul, der Witwer, «in höchster Erregung» (Regieanweisung), aber noch höherer Verwirrung, dem Tod ins Auge blickend: Einen Tritonus hinauf springt sein Ruf, vom zweigestrichenen es zum a, aber er gilt der falschen Frau: «Marietta». Die abfallende kleine Sekunde, der Seufzer vom a zum as, illustriert die Verwechslung, evoziert aber auch den Riss zwischen Realität und symbolischer Ordnung.

Und dann knallt, im dreifachen Forte, dieser dissonante, auf einer Quint sitzende, nur eine Sechzehntel anhaltende Akkord in den Saal, der sich aus den Tönen des «Marietta»-Rufes speist: im Bass durch eine Quinte ausgehöhlt wie die Klavierbegleitung in Schuberts «Leiermann» (as-es), in den Mittel- und Oberstimmen die unheilkündende Tritonus-Spannung a-es-a, die sinnbildlich wirkt für diesen Moment, in dem die Tote ins Leben zurückkehrt, um ihren Gatten in einem klagenden, vom Gewissensmotiv beherrschten Gesang in der Todestonart d-Moll an ihre verblichene Liebe zu erinnern.

In solchen Momenten zeigt sich, was ein Dirigent vermag. Und Kirill Petrenko vermag viel. Sehr viel. Er ist der ...

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Opernwelt Januar 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Jürgen Otten

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