Gefallene Engel
Sie wurden geliebt, sie wurden gefeiert. Sie erhielten die denkbar höchsten Gagen, sie waren die Helden der Höfe. In ihnen sah man das Ideal der Reinheit bewahrt – nota bene: die Reinheit der Kunst. Und jeder, der sein Herz an die Bühnenwerke des Barock verloren hat, kennt ihre berühmtesten Vertreter: Farinelli, Senesino, Caffarelli, Carestini, Nicolini. Doch nur wenige wollen (oder können) sich daran erinnern, was es bedeutete, ein Kastrat zu sein – ein Engel wider Willen. Es bedeutete unfassbaren Schmerz.
Und im schlimmsten Fall, dass dieser Schmerz nicht gelindert wurde durch den Applaus. Dass er vergeblich war.
Matteo, dem Protagonisten in Daria Wilkes Roman «Die Hyazinthenstimme», ergeht es am Ende zum Glück nicht so. Seine Stimme betört die Massen, als er im Theater an der Wien den Titelhelden in Francesco Cavallis «Eliogabalo» verkörpert, mit jener himmlisch hohen Sopranstimme, die mit ihrer gläsernen Schönheit Risse in die Wände zeichnet, und deren zärtliche Fülle das Auditorium in ungläubiges Staunen versetzt.
Es muss eine kundige Autorin sein, die einen solchen Augenblick so beschreiben kann: «Dann holte Matteo tief Luft und machte, was er nicht tun sollte – er machte ...
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Opernwelt Januar 2020
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 27
von Jürgen Otten
Wenn zum Happy End alle Solisten den Schlusschor anstimmen, langsam in die Bühnentiefe abgehen, das Orchesterspiel abbricht, der entschwindende Gesang immer leiser wird und das Licht allmählich verlischt, bis Dunkel und Stille herrschen, hat man als Zuschauer im Schwetzinger Rokokotheater die erfolgreiche Wiedergeburt eines Stücks erlebt, das 300 Jahre unter...
Die Bühne dreht sich – wie jene Schraube, die im Titel rotiert. Mit jeder Windung, jedem «Turn of the Screw» erhöhen sich in Benjamin Brittens Kammeroper Druck und Beklemmung. Für die Akteure wie für die Zuschauer. Regisseur Peter Carp und Bühnenbildner Kaspar Zwimpfer entwickeln über rund zwei Stunden im Großen Haus des Theaters Freiburg einen Spannungsbogen wie...
Der Anlass verlangte nach dem Einsatz aller Mittel: die Hochzeit von Ludwig XIV. mit Maria Teresa von Spanien. Also wurde bei Francesco Cavalli eine spektakuläre Oper in Auftrag gegeben, mit allen Effekten, die die Bühnentechnik 1662 hergab. Uraufgeführt wurde «Ercole Amante» in einem für die Vorstellung extra errichteten Saal der Pariser Tuileries, wo die Musik...
