Gefallene Engel
Sie wurden geliebt, sie wurden gefeiert. Sie erhielten die denkbar höchsten Gagen, sie waren die Helden der Höfe. In ihnen sah man das Ideal der Reinheit bewahrt – nota bene: die Reinheit der Kunst. Und jeder, der sein Herz an die Bühnenwerke des Barock verloren hat, kennt ihre berühmtesten Vertreter: Farinelli, Senesino, Caffarelli, Carestini, Nicolini. Doch nur wenige wollen (oder können) sich daran erinnern, was es bedeutete, ein Kastrat zu sein – ein Engel wider Willen. Es bedeutete unfassbaren Schmerz.
Und im schlimmsten Fall, dass dieser Schmerz nicht gelindert wurde durch den Applaus. Dass er vergeblich war.
Matteo, dem Protagonisten in Daria Wilkes Roman «Die Hyazinthenstimme», ergeht es am Ende zum Glück nicht so. Seine Stimme betört die Massen, als er im Theater an der Wien den Titelhelden in Francesco Cavallis «Eliogabalo» verkörpert, mit jener himmlisch hohen Sopranstimme, die mit ihrer gläsernen Schönheit Risse in die Wände zeichnet, und deren zärtliche Fülle das Auditorium in ungläubiges Staunen versetzt.
Es muss eine kundige Autorin sein, die einen solchen Augenblick so beschreiben kann: «Dann holte Matteo tief Luft und machte, was er nicht tun sollte – er machte ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Januar 2020
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 27
von Jürgen Otten
Chi scherza con Amor, scherza col fuoco: Wer mit der Liebe spielt, spielt mit dem Feuer. So ist, so war es immer. Auch der Titelheld in Giovanni Antonio Borettis «Eliogabalo» weiß um die Tücken dieses (allzu) leichtfertigen Umgangs mit der wichtigsten Nebensache der Welt. Und doch hat ihm der Schöpfer eine Musik in die Kehle gelegt, die vor Vergnügungssucht nur...
Wenn eine Welt, in der Adolf Hitler geradewegs mit Gott identisch ist, auf der Opernbühne reflektiert wird, dann muss sich «Wotan» gar unheilig imperfekt und respektlos auf «Truthahn» reimen. Dann erheben sich rechte Arme nicht nur einfach so immer wieder zum deutschen Gruß stramm himmelwärts. Derlei Gesten aus dunkeldeutscher Zeit werden vom Orchester allzu gern...
Im ersten Akt tauschen die Anführer am Strand von Mexiko Geschenke. Der Mexikaner Telasco bringt Gold, Blumen und reizende Frauen, Cortez antwortet mit einem Degen. Das also sind die Geschenke Europas – vielleicht werden die Spanier sie eines Tages in unseren Händen wiederfinden, ist Telascos bestürzte und zugleich stolze Antwort. Als Gaspare Spontinis «Fernand...
