O Bild, du Bild, das mir fehlt

Olaf Wilhelmer über Zemlinskys «Der Traumgörge» in Berlin

Opernwelt - Logo

Aberglaube hat etwas für sich: Alexander von Zemlinsky, so schreibt sein Biograf Antony Beaumont, wählte für die Oper «Der Traumgörge» bewusst einen Titel mit dreizehn Buchstaben, um die Furcht seiner Kollegen vor dieser Zahl zu karikieren. Noch Arnold Schönberg – Zemlin­skys Freund, Schwager und Schüler – nahm Aaron einen Buchstaben, um bei «Moses und Aron» auf zwölf zu kommen. Der Aberglaube sollte beiderseits bestätigt werden: Die 1907 vorgesehene Uraufführung des «Traumgörge» fand erst Jahrzehnte später statt, und der «Mo­ses» blieb unvollendet.

Nimmt man noch die «Lulu» des manisch abergläubischen Alban Berg dazu, wäre eine Sammlung großer Opern ohne dritten Akt aus dem 20. Jahrhundert beisammen.
Zemlinsky reiht sich da nicht erst mit dem späten Fragment «Der König Kandaules» ein; schon der «Traumgörge» entzieht sich jeder konventionellen Dramaturgie. Der verträumte Mensch, der im Dorf des ersten Akts einer Zweckehe und im Dorf des zweiten Akts einem ­Pogrom entflieht, findet sich im ersten Dorf ohne Not als Anführer einer verdächtig friedlichen Welt wieder, deren Banalität die Schlussmusik zu unterlaufen scheint: Dem viergestrichenen a der Solovioline, das einem sphärischen ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2007
Rubrik: Im Focus, Seite 20
von Olaf Wilhelmer

Vergriffen
Weitere Beiträge
­Brennan: Night.Shift

Eine Bar. Drei Männer und eine Frau. Der Geist aus der Flasche löst ihre Zungen, beflügelt die Fantasien, weckt Träume, Sehnsüchte, Begierden. Doch nach durch­zechter Nacht kehren alle unerfüllt in die Tristesse des Alltags zurück: Ausgehend von Wystan Hugh Audens «The Age of Anxiety» rückt der irisch-schweizerische Komponist John Wolf Brennan diesen Ort der...

Weder Spielwiese noch Museum

Dass die Ansprüche des heutigen Publikums an die Oper als Kunstform höchst divergent zwischen Belcanto-Kulinarik und theatraler Wahrhaftigkeit changieren, ist bekannt. Bei Aufführungen von Barockopern allerdings ist diese Divergenz noch stärker ausgeprägt. Freunde des Regietheaters erwarten von Händel- oder Monteverdi-Vorstellungen ein Feuerwerk origineller...

Aus dem Leben gegriffen

Mehr als vierzig Opern hat Francesco Cavalli zwischen 1639 und 1673 geschrieben. Er zählte zu den meistaufgeführten Komponis­ten seiner Zeit. Mit dem Aufkommen der Gesangsoper und des Kultes um die Virtuosenarie verblasste Cavallis Ruhm. Seine noch am Deklamationsstil Monteverdis orientierten Bühnenwerke gerieten gründlich in Vergessenheit – für drei Jahrhunderte....