Nach wie vor vital
Vor 200 Jahren erregte der Schweizer Musikpublizist und -verleger Hans Georg Nägeli einiges Ärgernis. Hatte er es doch gewagt, den großen Mozart zu kritisieren: Ausgerechnet dem «Götterliebling», dem «Raffael der Musik» attestierte er nämlich «Unreinheit», ja «widerwärtige Styllosigkeit». In einer Zeit, in der man von Mozart noch nicht allzuviel kannte, in ihm entweder nur den ewig heiteren Rokoko-«Tändler» oder den «Don Giovanni»-d-moll-Dämoniker sah, war dies natürlich ein Sakrileg.
Dabei hatte Nägeli, obschon kritisch zugespitzt, durchaus Richtiges erkannt: dass Mozarts Größe gerade in der dialektischen Verschlingung heterogener Elemente und Sphären besteht, «absolute» Musik und Oper, Buffa wie Seria, schier osmotisch aufeinander bezogen sind – der «Makel» als Qualität. Vollends haben Geniekult und Kunstreligion des 19. Jahrhunderts dazu beigetragen, die «Großen» zu monumentalisieren: den «Titan» Beethoven, den «fünften Evangelisten» Bach, den «Olympier» Goethe. Solcherart Monolithik hat deren Rezeption nachhaltig beschädigt, folglich die Frage befördert, «welcher» Bach oder Beethoven eigentlich gemeint sei.
Der Wahn einer verbindlichen Stil-(R)einheit des Gesamtwerks ist im ...
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Opernwelt Juni 2017
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Gerhard R. Koch
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