Nach einer alten Legende
Bonaria Urai ist, soviel lässt sich sagen, eine außergewöhnliche Frau. Eines Tages hat sie beschlossen, mit einem Schlag zu altern und nurmehr als Tzia, als «Tante», Bonaria Urai durch die Gassen Sorenis zu wandeln, jenes kleinen sardischen Ortes, in dem sie seit Urzeiten lebt und Maß nimmt – an den Kleidern ihrer Kundinnen und ebenso an den Menschen, die ihr auf der Straße begegnen.
Eines Tages geschieht dann ein kleines Wunder: Bonaria trifft auf Anna Teresa Listru, eine Witwe, die nach dem Tod ihres Mannes Sisinnio Listru gerade noch so eben die Kraft findet, sich und ihre vier Kinder durchzubringen, und während sie da unter dem Zitronenbaum sitzen und miteinander reden, wächst in beiden Frauen eine Idee heran, die das Leben von Maria Listru, Anna Teresas jüngster Tochter, von heute auf morgen verändert: Tzia Bonaria Urai nimmt sie als «fill’e anima» zu sich, als Adoptivkind. Ohne behördliche Erlaubnis, aber mit dem Einverständnis ihrer leiblichen Mutter. Eine Wahl hat die Sechsjährige nicht. Andere haben für sie entschieden, dass sie von Stund an eine neue Mutter hat. «Am selben Tag ist sie mit Tzia Bonaria fort, in einer Hand die Torte aus Schlamm, in der anderen eine Tasche ...
ZUKUNFTSMUSIK
Das «unmögliche Kunstwerk» Oper lebt, allen Unkenrufen zum Trotz. Als Beleg mögen abseits der Pflege des kanonischen Repertoires auch und vor allem jene Stücke dienen, die sich mit der Tradition der Gattung auseinandersetzen, dabei aber neue Wege beschreiten. Um solche Werke des Musiktheaters soll es in dieser Rubrik gehen: um Uraufführungen, in denen neue Narrative kreiert werden und die Form selbst auf dem Prüfstand steht, zugleich aber auch jene Rezeption befragt wird, die sich mit der Wiederholung überlieferter Deutungsmuster begnügt. Zu Wort kommen Komponistinnen und Komponisten, Dramaturginnen und Dramaturgen sowie Dirigentinnen und Dirigenten.
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Opernwelt Juli 2026
Rubrik: Magazin, Seite 95
von Virginie Germstein
Mit der vorliegenden CD kommt ein beachtliches Projekt des Labels Opera Rara zum Abschluss: die Gesamtaufnahme aller Klavierlieder Donizettis. Als Kirsche auf der Torte liegt nun auch die längste Komposition aus dessen Liedschaffen vor: die von Dante in Verse gefasste Geschichte vom Grafen Ugolino, der 1289 in Pisa mit Söhnen und Enkeln in einem Turm eingeschlossen...
Ein Trauerspiel ist’s. Aber keines in fünf Akten, wie gewöhnlich, sondern eines, das sich über fast sieben (nicht gar so gute) Jahre hinwegzieht und aus rund 70 Briefen und Telegrammen besteht. Die Protagonisten sind der Hofoperndirektor Gustav Mahler und ein Sänger, genauer: ein Tenor. Und da fangen die Schwierigkeiten schon an. Tenöre können Götter sein, wenn...
Während sich allerorten die Häuser und Festivals anlässlich des 100. Geburtstags um szenische Produktionen von Opern aus der Feder von Hans Werner Henze drücken, wird der Jubilar bei der Münchener Biennale gefeiert – und zwar in Form eines Stücks, dass mühelos Zeiten, Orte sowie Musikstile vermengt und überwindet. Geschrieben hat es der thailändische Komponist...
