Monteverdi war stärker
Wie es fassen? Wie es genau definieren? «Alles klingt natürlich, es ist Kunst und es ist Natur», müht sich Nikolaus Harnoncourt um eine Einkreisung. «Der Komponist malt und seine Klänge bewegen sich.» Und das Spielen? «Wir machen es alles so, als gäbe es nichts als lebende, überraschende Musik.» Ende der 1960er-Jahre ist das passiert, bei «L’Orfeo». Und wer diese Zeilen liest, spürt noch heute das Staunen, das einhergeht mit Erkenntnis und Erleuchtung.
Nicht nur wie in diesem Fall bei Monteverdi, auch bei den anderen Meistern aus Renaissance und Barock, nach einigen Jahren dann bei Mozart. Und gerade weil diese Texte oft ungeschliffen sind, aus einem emphatischen Erzählen heraus geboren, spürt man viel von dieser Aufbruchstimmung, die mit «Revolution der Aufführungspraxis» nur ungenügend und viel zu abstrakt umschrieben ist.
Schon einige Bücher gibt es von Harnoncourt, doch dieses ist besonders. «Wir sind eine Entdeckergemeinschaft» versammelt Essays, Notizen, Tagebucheinträge, sogar nie abgeschickte, sarkastische Briefe an Kritiker des 2016 gestorbenen Doyens der Alten Musik. Seine Ehefrau Alice Harnoncourt hat dazu ins Familienarchiv gegriffen, um die Entstehungszeit des ...
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Opernwelt April 2018
Rubrik: Buch des Monats, Seite 29
von Markus Thiel
Dunkel ist’s. Rabenschwarz. Eine quadratische Öffnung lässt sich erahnen; sie nimmt Kontur an, wenn das Licht, das Franck Evin von oben hereinfallen lässt, den Blick freigibt auf die mit wenigen Strichen gezeichneten, sparsam bewegten, in einen silbernen Ton gefassten Bilder, die Regisseur Andreas Homoki erdacht hat. Zu sehen sind Damen im Reifrock mit Schirm und...
Die Szene ist bizarr. Eine Braut, blumenbekränzt, eigentlich sollte sie sich freuen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Sie leidet. Weil es der Falsche ist, den sie ehelicht – ehelichen muss. Zwar ein Zar. Aber viel zu alt für sie. Außerdem gehört ihr Herz einem anderen, jüngeren, attraktiveren. Doch diesem Manne musste sie entsagen, auf höheren Wunsch. Und so sprüht...
Es ist ein kühnes Unterfangen, Goethes «Wahlverwandtschaften», jenen Roman, der auch für gestandene Germanisten nicht unbedingt zu den kurzweiligsten Lektüreerinnerungen gehört, auf ein Musiktheaterstück von knapp zwei Stunden einzudampfen. Der für das Libretto zuständige Autor Armin Petras reduziert Goethes in epischer Breite angelegtes Werk dazu auf seinen...
