Der Gesang der Lachmöwe
Die Szene ist bizarr. Eine Braut, blumenbekränzt, eigentlich sollte sie sich freuen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Sie leidet. Weil es der Falsche ist, den sie ehelicht – ehelichen muss. Zwar ein Zar. Aber viel zu alt für sie. Außerdem gehört ihr Herz einem anderen, jüngeren, attraktiveren. Doch diesem Manne musste sie entsagen, auf höheren Wunsch. Und so sprüht die Arme ihren Kummer in die Leere um sich. Nahezu unbegleitet. Nur zwischen erster und zweiter Strophe legt das Orchester zarte Klänge auf den Traurigkeitsteppich.
Ljubaschas Lied zählt zu den bewegendsten Passagen in Rimsky-Korsakows «Zarenbraut». Vor allem so, wie Anita Rachvelishvili es singt: schlicht-schön, fließend, ohne Larmoyanz und Pathos, mit tiefblauem Timbre. Wie ein Selbstgespräch, das zwar an die Mutter gerichtet ist, diese aber nur in der Ferne wahrnimmt. Und damit im Grunde jenen Faden aufnimmt, den Santuzza in Mascagnis «Cavalleria rusticana» gesponnen hat; auch dort wendet sich, wenngleich in Form einer Arie, die unglücklich-verlassene Frau an die Mama und formuliert die weitgeschwungene Klage in schmerzlich-schauriger Gestalt.
Entschieden liegen hier die Qualitäten der Aufnahme, die Stücke aus dem ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt April 2018
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 30
von Jürgen Otten
Wie es fassen? Wie es genau definieren? «Alles klingt natürlich, es ist Kunst und es ist Natur», müht sich Nikolaus Harnoncourt um eine Einkreisung. «Der Komponist malt und seine Klänge bewegen sich.» Und das Spielen? «Wir machen es alles so, als gäbe es nichts als lebende, überraschende Musik.» Ende der 1960er-Jahre ist das passiert, bei «L’Orfeo». Und wer diese...
Ist die alte, die Musik des Mittelalters im 21. Jahrhundert das eigentlich Neue? Der Gregorianische Choral? Die mehrstimmigen Gesänge der Notre-Dame-Schule und der Ars Nova? Für Arvo Pärt liegt die Zukunft fraglos in der Vergangenheit. Vorwärts zu den Ursprüngen – so könnte man die Haltung umreißen, die Pärts Kompositionen seit den späten 1970er-Jahren...
«Der Kaiser von Atlantis», Viktor Ullmanns allegorisches «Spiel in einem Akt» nach einem Text seines tschechischen Landsmanns, des Malers und Autors Peter Kien, ist wohl die einzige vollständige (Kammer-)Oper, die in einem Konzentrationslager der Nazis geschrieben wurde. Das ist nicht nur eine ungeheuerliche Episode der Musikgeschichte. Es ist auch ein Dilemma...
