Molto Moderato
Alles fließt, alles strömt dahin. Die Geschichte, die Bilder, die Inszenierung. Tom Cairns hat nach rund einem Vierteljahrhundert im vergangenen Sommer die erste neue «Traviata» für das Glyndebourne Festival inszeniert (siehe OW 9/2014). Doch leider fehlt der Produktion jeder Fokus: auf Gesellschaftskritik, auf die Welt des Geldes und Scheins, auf die privaten Katastrophen. Vieles verharrt, von Austatterin Hildegard Bechtler moderat in die Gegenwart transferiert, im Gefälligen, stimmungsvoll beleuchtet.
Ähnlich moderat die musikalischen Farben.
Michael Fabiano gestaltet Alfredo als jungen, naiven Verliebten; kein Feuerkopf, kein Visionär, weder darstellerisch noch sängerisch. Tassis Christoyannis, der Germont père, steht für ein Dazwischen: nicht balsamisch, nicht autoritär. Man nimmt dem Mann nicht wirklich ab, dass die Würde jederzeit in Hartherzigkeit umschlagen kann. Eher ein umgänglicher Typ als einer, der Schicksalsfäden spinnt. Zumal es der Baritonstimme an Tiefe fehlt, an Wärme, Volumen, Schattierungen. Unter den Primarii sticht Venera Gimadieva hervor. Ihr Sopran überzeugt durch Präsenz und Strahlkraft, ebenso durch kluge Steigerungen, er klingt elastisch und geschmeidig, ...
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Opernwelt September/Oktober 2015
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 47
von Christoph Vratz
Ob der ernste oder der halbernste – Rossini gilt in erster Linie als Sängerfutter. Deshalb geben sich Intendanten und Impresari meist damit zufrieden, um ein paar Vokal-Stars herum dekorative Arrangements zu schaffen. Zu selten werden die szenischen Herausforderungen, die in den Stücken stecken, von Regisseuren angenommen. In Pesaro bot vor zwei Jahren die...
Beim letzten und bisher einzigen Mal Oper waren die Beteiligten reif für die Kollektivbeichte. Ausgerechnet hier, wo das Leiden des Herrn seit einem Pestgelübde nachgestellt wird, ließ Salome ihre sieben Schleier fallen – damals, 1996, im Rahmen der Richard-Strauss-Tage und als Besuch des Mariinsky-Theaters mit Valery Gergiev. Nur alle zehn Jahre das Theater zur...
I.
Ist er es? Sitzt er da wirklich wieder vor dem Weihenstephan? Dem Hotel nicht weit vom Bahnhof, in dem er, so erzählt man in Bayreuth, jedes Jahr zur Festspielzeit absteigt? Ja, er ist es wirklich. Ein wenig missmutig blinzelt René Kollo (77) in die Sonne. Diese Hitze! Den Rotwein hat er fast geleert, die Zigarre ist fast aufgeraucht. Nur noch eine Stunde bis...
