Molto Moderato
Alles fließt, alles strömt dahin. Die Geschichte, die Bilder, die Inszenierung. Tom Cairns hat nach rund einem Vierteljahrhundert im vergangenen Sommer die erste neue «Traviata» für das Glyndebourne Festival inszeniert (siehe OW 9/2014). Doch leider fehlt der Produktion jeder Fokus: auf Gesellschaftskritik, auf die Welt des Geldes und Scheins, auf die privaten Katastrophen. Vieles verharrt, von Austatterin Hildegard Bechtler moderat in die Gegenwart transferiert, im Gefälligen, stimmungsvoll beleuchtet.
Ähnlich moderat die musikalischen Farben.
Michael Fabiano gestaltet Alfredo als jungen, naiven Verliebten; kein Feuerkopf, kein Visionär, weder darstellerisch noch sängerisch. Tassis Christoyannis, der Germont père, steht für ein Dazwischen: nicht balsamisch, nicht autoritär. Man nimmt dem Mann nicht wirklich ab, dass die Würde jederzeit in Hartherzigkeit umschlagen kann. Eher ein umgänglicher Typ als einer, der Schicksalsfäden spinnt. Zumal es der Baritonstimme an Tiefe fehlt, an Wärme, Volumen, Schattierungen. Unter den Primarii sticht Venera Gimadieva hervor. Ihr Sopran überzeugt durch Präsenz und Strahlkraft, ebenso durch kluge Steigerungen, er klingt elastisch und geschmeidig, ...
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Opernwelt September/Oktober 2015
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 47
von Christoph Vratz
Sicher, Pesaro geht in Sachen Rossini weiter mit Riesenschritten voran. Aber «Rossini in Wildbad», das kleine Gegenstück im Nordschwarzwald, belegt ebenso unangefochten einen ehrenvollen zweiten Platz. Und als Raritätenschürfer betätigen sich beide Festivals. «L’inganno felice» («Der glückliche Betrug»; Venedig, 1812 – der Komponist war noch keine 20) stand 2005...
Von der Londoner Wigmore Hall zum Burlington House braucht es kaum eine halbe Stunde gemütlichen Spaziergangs. Alljährlich beherbergt Letzteres die Sommerausstellung der Royal Academy of Arts, und das seit 247 Jahren. Die Show ist einzigartig in ihrer Mixtur aus Werken professioneller und dilettierender Künstler (12 000 Bewerbungen hat die in diesem Jahr von...
Brünnhilde will nicht. «Heil, dir, Sonne!» drei, vier, fünf Meter über dem Boden? «Da kann ich nicht frei singen», sagt Judith Németh. Das Schwanken, der Schwindel, das Herzrasen. Schon der Blick auf die Gondel, in der die Walküre im dritten «Siegfried»-Akt aus der Tiefe auffahren soll, dem Liebeslicht entgegen, bis das wallende Brautkleid die Bühne füllt, macht...
