Aus zweiter Hand
Fünf Holzstühle, vorn rechts. Fünf Grablichter. Vor jedem Stuhl eines. Sonst ist nichts zu sehen, wenn zu Beginn des dritten Aufzugs die Streicher trauertrunken, «mäßig bewegt», in sehrendem Klageton verkünden, dass dem liebesglühend-todessüchtigen Paar auf Erden wohl nicht mehr zu helfen ist. Kareol liegt im Dunkel. Im opaken Dunst eines Nirgendwo. Zum leeren Screen wird hier der Raum. Zu einer Tafel, auf der, in Tristans Fiebermonolog, Traumbilder schimmern, Halluzinationen – und gleich wieder verblassen.
Marienblaue Isolde-Erscheinungen schweben da in milchig-trüben Dreiecksrahmen. Ungreifbar, körperlos stehen sie ab vom schwarzen Grund. Verschwinden im Boden, verlieren den Kopf, schwitzen Blut, sobald Herr Tristan naht. Sinken zurück in die alles umfangende Nacht.
Die Idee, in Bayreuth ein «unsichtbares Theater» zu «erfinden», ist nicht neu. Wagner selbst soll sie – laut Cosima – bereits 1878 in die Welt gesetzt haben. Vor gut zehn Jahren wäre es beinahe Wirklichkeit geworden: In «totaler Finsternis» wollte der dänische Filmregisseur Lars von Trier («Melancholia») den «Ring» spielen lassen, den er dann doch nicht inszenierte. Nur durch winzige, durch den Guckkasten wandernde ...
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Opernwelt September/Oktober 2015
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Albrecht Thiemann
Vor dem Sommer sind wir noch gemeinsam in die Vorproben der Neuproduktion «Fidelio» eingestiegen. Das Ensemble saß um Berts Bühnenbildmodell geschart. Einer von uns erklärte, es werde nicht darum gehen, ein spezifisches politisches System abzubilden, sondern zu untersuchen, wie sich ein auf Überwachung gestütztes System, wie wir es aus Diktaturen kennen, in die...
Seit seiner Gründung hat das Santa Fe Opera Festival in der Wüste New Mexicos immer wieder amerikanische Erst- und Uraufführungen auf die Bühne gebracht. Dieses Jahr stand Jennifer Higdons «Cold Mountain» – nach Charles Fraziers 1997 erschienenem Epos – auf dem Programm. Nicht das einzige Bürgerkriegsstück in dieser Spielzeit: Vor 150 Jahren ging der...
Niemals stand der Amerikaner Alan Curtis im Verdacht, der temperamentvollste, unberechenbar genialischste Überflieger der Alten Musik zu sein. Er wirkte besonnen, dienstfertig und defensiv. Führt man sich die enorme Zahl seiner Ersteinspielungen von Barockopern vor Augen, die eine Entstehungszeit von knapp einem halben Jahrhundert umspannen, so steht man betroffen...
